Bericht: Multiple Sklerose und Rohkost (2)

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Autor: Anonym im Jahr 2003

Stell dir vor, Du bist 18 Jahre alt, stehst kurz vor dem Abitur und wachst eines Tages mit einem sich pelzig anfühlenden rechten Arm auf. ...oder nein, stell es Dir lieber nicht vor; denn dies war der Beginn meiner MS-Karriere – wie man in Insiderkreisen der MS-Kranken sagen würde.

Dieses Erlebnis war an einem Wochenende als sich mein gesamtes Leben verändern sollte. Angefangen hat erst mal alles mit einem pelzigen Arm und einer pelzigen Hand, wobei meine Eltern und ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht an irgendetwas Schlimmeres dachten. Vielmehr waren wir damals der festen Überzeugung, dass ich wohl einfach falsch gelegen hatte und daraus eine Durchblutungsstörung resultierte. Im Laufe des Tages blieb es jedoch nicht aus, dass sich auch im linken Arm eine veränderte Empfindung entwickelte und so blieb mir keine andere Wahl als am folgenden Wochentag meinen Hausarzt zu konsultieren.

Dieser ließ sich von mir die Situation beschreiben und schickte mich unmittelbar zur Kernspintomographie und zum Neurologen. Als die Ergebnisse der Untersuchung vorlagen befand ich mich gleich ein paar Stunden später in der neurologischen Abteilung des Klinikums vor Ort. Wohlgemerkt, ich hatte damals höchstens den Hauch einer Ahnung warum dies alles so geschieht. Damals, glaube ich, war mir höchstens bewusst, dass aufgrund der pelzigen Arme und dem leicht veränderten Gleichgewichtssinn Handlungsbedarf bestand; nicht aber dass es sich um eine ernstzunehmende Krankheit handeln könnte.

Da ich im Alter von 18 Jahren nur das Bedürfnis hatte, dass alles baldmöglichst einfach wieder „normal“ werden sollte, begab ich mich voller Verzweiflung und Hoffnung in die Hände der Neurologen in der Klinik. Diese machten nur noch wenige Untersuchungen und gaben mir dann sehr bald 5 Tage lang jeweils 500mg Cortison intravenös. Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob ich überhaupt wusste, was in dieser Infusion drin ist; vielleicht haben es mir die Ärzte damals gar nicht gesagt, vielleicht konnte ich damit nichts anfangen oder ich hatte es einfach sehr gut verdrängt. Sicher war für mich zu diesem Zeitpunkt nur, dass ich den bequemsten und schnellsten Weg einschlagen wollte um wieder in den für mich bisher bekannten Normalzustand zurückzugelangen.

Tatsächlich hat es sich dann aber so ereignet, dass ich am letzten Tag während der Infusion einen epileptischen Anfall hatte, der seinerseits wieder zur Folge hatte, dass ich noch einen Tag länger in der Klinik bleiben musste um weitere Untersuchungen zu durchlaufen, dass ich auf antiepileptische Medikation eingestellt wurde und dass ich im Entlassungsgespräch mit meinen Ärzten die dringende Weisung erhielt, ab sofort einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus einzuhalten (und somit in keine Discos mehr gehen sollte) sowie 2 Jahre lang kein Auto mehr fahren zu dürfen.

Das schlimmste waren für mich damals nicht die Tabletten, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich erst ein paar Monate vorher meinen langersehnten Führerschein erhalten hatte und mir nun aufgrund der Behandlung in der Klinik das Autofahren verboten wurde. Damals habe ich die Ursache für den Anfall unmittelbar in der Infusion gesehen, obwohl ich noch gar keine Zusammenhänge kannte, und sah es von da an als meine Aufgabe, alle Ärzte von meiner Hypothese zu überzeugen. Ich hatte also ein neues Ziel in meinem Leben... Dies ließ dann auch die Tatsachen in den Hintergrund rücken, dass die pelzigen Hände und Arme auch nach dem Klinikaufenthalt noch immer nicht verschwunden waren, mir mein ambulanter Neurologe versuchte klarzumachen, dass sich diese veränderte Sensibilität schon noch im Laufe der Zeit normalisieren oder ich mich zumindest daran gewöhnen würde und dass ich von der Diagnose letztendlich nur durch Zufall erfahren habe.

Vor allem die folgenden Monate unmittelbar nach dem Klinikaufenthalt und dem Wissen um den Verdacht auf MS waren für mich von außerordentlicher Schwere. Zum einen deshalb, weil ich über diese Krankheit nur wusste (oder wissen wollte), dass sie mit einem elenden und abhängigen Leben im Rollstuhl endet bzw. enden könnte, zum anderen aber auch deshalb, weil meine Eltern aus verständlicher Verzweiflung das Beste für mich tun wollten und mich somit in diesen Monaten zu vielen angeblichen MS-Spezialisten in ganz Deutschland „geschleppt“ haben.

Bei diesen ganzen Ärzten konnte ich damals ausschließlich entweder selbstverherrlichende, selbstbereichernde oder unglaubwürdige Aspekte entdecken und ich überdeckte alle ihre Theorien für mich mit deutlicher Skepsis. Da für mich die Aufgabe, alle anderen von meiner falschen Epilepsiediagnose und Medikation zu überzeugen, weitaus deutlicher im Vordergrund stand als die Auseinandersetzung mit irgendwelchen MS-Behandlungsmethoden, richtete sich mein Misstrauen gleichzeitig auch gegen die gesamte Schulmedizin von deren Seite eben die dringende Empfehlung bestand, so zeitig wie nur möglich mit einer Behandlung (zur Auswahl standen Interferone) in Form von Spritzen zu beginnen.

So ging das dann einige Jahre weiter. Weiter ging aber leider nicht nur meine Abwehr gegenüber jeglichen Medikamenten bei MS, sondern leider auch die Aktivität dieser Erkrankung. Es war mir sehr bald schon sehr bewusst klar, dass ich immer nur in solchen Momenten Schübe hatte, in denen ich relativ viel Stress hatte. Da ich aber in der Folgezeit nie die Signale meines Körpers ernst genommen habe und mir andauernd dachte „Was die andern in meinem Alter können, das kann ich auch!“, ließ ich meinem Körper nie die Gelegenheit sich auszuruhen bzw. zu regenerieren und somit auch nicht die Möglichkeit, mir über bestimmte Erschöpfungssignale mitzuteilen, dass es ihm schlecht geht und er Zuwendung benötigt. Am Ende jedes Semesters konnte ich somit förmlich auf einen neuen Schub warten, und er kam.

Ich muss sagen, ich hatte mich zu dem Zeitpunkt schon fast an mein Schicksal gewöhnt; dennoch machte es mir vor allem aus dem Grund gewaltig Angst, da sich bisher kein einzigster meiner ca. 5 Schübe zurückgebildet hat. Zwischenzeitlich hatte ich dann auch nach tausenden von Kontrolluntersuchungen nach insgesamt fast 2,5 Jahren das Medikament gegen Epilepsie absetzen dürfen und hatte seitdem natürlich nie wieder Probleme mit diesem Thema gehabt. Es sollte dadurch also doch wieder etwas einfacher werden in meinem Leben. Allerdings war diese Erleichterung auch mit einem Verlust verbunden, nämlich dem Ziel, dass ich in meinem Leben für/gegen etwas kämpfen konnte.

Den Ersatz fand ich aber sehr bald in dem neu aufgekommenen Wunsch, die MS medikamentös behandeln zu lassen. Aus diesem Grund fing ich im Jahr 2001 doch einmal damit an, Literatur und Studien zu lesen und entschied mich nach genauester Überlegung für „Copaxone“. Dieses Medikament musste zwar kühl gelagert und sogar täglich unter die Haut injiziert werden, dennoch aber erschien es mir aufgrund der Zusammensetzung (4 Aminosäuren) als das wohl unschädlichste Medikament seiner Art.

Als dann aber Mitte 2002 mein bis dato schwerster Schub – und das trotz der Spritzen - während einer totalen Überlastungssituation auftrat (da wollte ich mir beweisen, dass ich neben einem Vollzeitpraktikum von Montag bis Freitag in der Psychiatrie auch noch am Wochenende ausgerechnet bei einem MS-Kranken Pflegeassistenz leisten kann), bin ich endlich aus meinem Albtraum aufgewacht, habe mein Leben komplett hinterfragt und auf den Kopf gestellt und mich konsequenterweise auch gleich von „meinem Copaxone“ verabschiedet. Alle indirekt Beteiligten hatten ein sehr, sehr schlechtes Gefühl bei dieser Entscheidung – alle bis auf zwei: mein Krankengymnast und meine Psychotherapeutin. Wären diese beiden nicht gewesen, ich hätte vermutlich nicht derart schnell den Absprung von diesem Medikament, und damit verbunden auch von der Diagnose MS, hin zum Vertrauen auf meine körpereigenen Signale und Gefühle geschafft.

Dieser krasse Übergang barg für mich sehr viele und große Unsicherheiten, doch wurde ich schon sehr bald auf meinem neuen Lebensweg bestätigt, indem ich die Erfahrung machen durfte, dass mein letzter und schwerster Schub der erste Schub in meiner „MS-Laufbahn“ war, der sich vollständig zurückgebildet hat.

Welche Faktoren in diesem Veränderungsprozess nun im einzelnen und in welcher Reihenfolge alle beteiligt waren, das kann ich heute nicht mehr genau sagen. Von den unterschiedlichsten Seiten (Das war zum einen ein Kinesiologe von dem ich eigentlich nur ausgetestet haben wollte, inwiefern ich Milch und Weizen vertrage und der mir stattdessen von der Denaturierung der Lebensmittel erzählte; zum anderen war da mein Physiotherapeut, der selbst Rohköstler war und meine MS-Theorien zusammen mit mir deutlich hinterfragte und mir sehr, sehr gute Tipps gab) bin ich auf das Thema Rohkost gestoßen worden und irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, dass ich dieses Thema einfach zulassen wollte.

Deutlich wurde mir schon sehr, sehr schnell, dass sich bei mir die Phasen der Überforderung immer mit auffällig hohem Schokoladen- und Kaffeekonsum geäußert haben, was ich sonst beides nicht leiden konnte! Da ich mir diesmal gleich nach dem Schub eine Auszeit in Form einer zweiwöchigen Krankschreibung gegönnt habe, hatte ich auch die Zeit, mich ganz bewusst auf das Thema Rohkost einzulassen. Nach unendlich langen Internet- und Literaturrecherchen führte mich mein Weg zuerst über die MS-spezifische Dr. Evers Rohkostdiät, die ich aber schon nach kurzem aufgrund der – in meinen Augen – Inkonsequenz der neuen Form dieser Diät (sie wurde nach dem Tod von Dr. Evers „gesellschaftstauglich“ gemacht und pries somit meiner Meinung nach zu viele Kompromisse an) kritisch in Frage stellte und für mich herausfinden konnte, dass nicht die defizitorientierte Rohkost (also die Rohkost, in deren Mittelpunkt noch immer die Krankheit steht), sondern die Rohkost als Lebensphilosophie mein Weg sein sollte.

Bestätigung fand ich schon sehr bald in der einschlägigen Rohkostliteratur und stellte innerhalb von einigen wenigen Tagen meine Ernährung schlagartig auf 100% Rohkost um. Bald begann ich mich auch für Tai Chi zu interessieren, meldete mich alsbald für einen Kurs an und empfand diese Art der bewussten und losgelassenen Bewegung als ideal für mich, vor allem zum Erreichen meines Ruhepols.

Naja, und wie gestaltet sich nun meine Situation nach fast einem Jahr? Die beste Antwort aus meiner Sicht ist da, glaub ich, „ich lebe meine Rohkost“. Damit meine ich, dass ich durch die Integration der Rohkosternährung in mein Leben auf viele neue Aspekte meiner Krankheit und meiner Lebensziele gestoßen bin. Ich wurde sensibler und zugänglicher für die unterschiedlichsten Themen, Defizite und die kleinen und großen Wunder, die das Leben so täglich mit sich bringt.

Aber ich muss auch zugeben, dass diese Auseinandersetzung mit den nun häufig aus meinem Unterbewusstsein auftauchenden Inhalten nicht immer einfach ist! Während der Entgiftungszeit, in der ich mich jetzt nach einem Jahr natürlich noch befinde, durchläuft jeder Rohköstler ja bestimmte Phasen, in denen der Körper alten Müll (sei es in Form von körperlichen oder psychischen Symptomen) aufarbeiten und sich davon befreien will. Dass ich davor unheimliche Angst hatte, das kann man sich bei der Vergangenheit vielleicht gut vorstellen. Das schöne war folgender Satz meiner Heilpraktikerin zu dem Thema: „Man wird immer nur mit dem konfrontiert, wofür man in diesem Moment auch stark genug ist“. Bisher kann ich das wirklich bestätigen. Dieser „alte Müll“ taucht immer und immer wieder auf, aber auch immer nur soweit wie ich es auch verkraften kann – und auch wenn es mir das Leben nicht immer leicht macht, erlebe ich diese Arbeit als etwas, das es mir ermöglicht, in meiner Persönlichkeit zu wachsen.

Das Thema MS sehe ich für mich nun also eher als eine ganzheitliche Frage- und Aufgabenstellung. Aufgabenstellung deswegen, weil ich mir sicher bin, dass ich die MS nicht umsonst entwickelt und mit mir herumgeschleppt habe. Alles zur richtigen Zeit und im richtigen Umfang - wir können nur dran wachsen ...oder eben untergehen. Das Universum oder Gott weiß schon, wie intensiv es/er dem einen oder anderen zeigen muss, dass sein Weg falsch ist. Deswegen verteufle ich die MS jetzt auch nicht mehr. Denn ohne meiner bisherigen Geschichte wäre ich vielleicht nie zu dem Punkt gekommen an dem ich jetzt stehe. Bezüglich des Themas MS weiß ich, dass ich jetzt auch weiterhin „nur“ auf die Signale meines Körpers, der durch die Rohkost - und vor allem durch einen stetig steigenden Anteil an Wildpflanzen, also Urkost! - und den veränderten Lebensweg viel sensibler geworden ist achten muss, um den Rest meines Lebens sagen zu können „die MS war Teil meines Lebens!“.

Jung, chronisch krank und ohne Aussicht auf Besserung? Würde ich bei Multipler Sklerose so garantiert nicht mehr bestätigen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich als MS-Kranke die Wahl hatte, mich aktiv für oder gegen ein erfülltes Leben in Gesundheit zu entscheiden. Überwältigt von dieser Erkenntnis und den bisher daraufhin gefolgten Erfahrungen bin ich mir sicher, dass meine Entscheidung genau richtig war und kann nur alle MS-Betroffenen, die offen für Veränderungen sind, dazu anregen, auch für sich und ihre Gesundheit die Verantwortung in die eigenen Hände zu nehmen (welchen individuellen Weg das auch immer bedeuten mag) und nicht den Ärzten zu übergeben!