Bericht: Von der veganen zur instinktiven Rohkost

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Autor: Susanne

Bis zu der Geburt des ersten Kindes, eines Jungen, habe ich mir wenig Gedanken über das tägliche Essen gemacht. Bei meinen Eltern habe ich eine gutbürgerliche deutsche Küche kennengelernt, in der Familie meines Freundes und späteren Ehepartners die mediterrane Küche. Geschmeckt hat das eine wie das andere, gesundheitliche Probleme hatte ich keine.

Mit der Diagnose "Neurodermitis" bei unserem Erstgeborenen änderte sich diese lockere Einstellung zum Thema "Ernährung" grundlegend. Er wurde gestillt; das war für mich nach Lektüren wie „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ von Jean Liedloff selbstverständlich.

Totzdem kam es wenige Wochen nach der Geburt zu massiven Hautauschlägen. Der Kinderarzt empfahl die Anwendung einer Kortisonsalbe, die ich aber wegen der Nebenwirkungen ablehnte. Auch die Anmerkung, "nur Geduld, das wächst sich aus", fand ich wenig hilfreich. Vor allem, da es sich um einen juckenden Ausschlag handelte, der dazu führte, dass das Kind nicht nur tagsüber, sondern auch nachts sehr unruhig und weinerlich war. Rat und Hilfe bekam ich schließlich bei einer Neurodermitis-Selbsthilfegruppe. Hier wurde mir eine Ernährungsumstellung auf milcheiweißfreie Vollwertkost empfohlen.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich mit dem Thema "Ernährung" näher befasst und konnte miterleben, wie der Hautauschlag unseres Sohnes im Zuge der Ernährungsumstellung fast vollständig verschwand. So weit, so gut. Im Herbst 1989 gesellte sich ein Mädchen zu unserer kleinen Familie. Ich war schockiert, als auch bei ihr nach einigen Wochen Hautauschläge auftraten, trotz Stillen und einer Ernährung der Mutter mit Vollwertkost. Diese Ernährung schien nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein.

Im Winter 1989 begann ich mit beiden Kindern eine Bewegungstherapie, die mir von Mitgliedern der Selbsthilfegruppe empfohlen worden war. Die Therapeutin erklärte, dass die Übungen, die ich mit den Kindern durchführen sollte, auch bei mir Heilungsprozesse auslösen könnten. Außerdem empfahl sie mir die Lektüre des Buchs "Der Urschrei" von Arthur Janov. Durch die Übungen, aber auch durch die Lektüre, kam bei mir in der Tat einiges in Bewegung, vor allem auf geistiger Ebene. Eine Erkenntnis betraf das Thema "Ernährung": Sie sollte wie bei wilden Tieren roh und naturbelassen sein und wenn sie Heilprozesse im Körper bewirken soll, individuell verschieden. So wie Paracelsus es formulierte: "Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein, und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein."

Ich fing daher an, mit Rohkost zu experimentieren. Ich habe nicht von heute auf morgen umgestellt, sondern den Anteil an rohen Lebensmitteln ständig erhöht. Irgendwann bekam ich das Buch von Helmut Wandmaker "Willst du gesund sein? Vergiß den Kochtopf!" in die Hände, das mich in meinem Selbstexperiment bestätigte. Dass er in seinem Buch vom Fisch- und Fleischverzehr abriet, passte damals gut zu meinen philosophischen Grundsätzen. Mein Ziel war es, 100%ig roh zu essen, rein vegan, ohne tierische Lebensmittel.

Ich war voller Euphorie und fest davon überzeugt, dass die vegane Rohkost-Ernährung die natürliche Ernährung für den Menschen sei und mit ihrer Hilfe nicht nur die Gesundheit erhalten, sondern auch wieder hergestellt werden könne. Frisches Obst und Gemüse, Wildkräuter, aber auch tropische Früchte standen auf dem Speiseplan. Außerdem verzichtete ich auf Salz. Ich fühlte mich so fit und leistungsfähig wie schon lange nicht mehr. Der einzige Haken an der Sache war, dass ich nie länger wie vier bis sechs Wochen hintereinander roh bleiben konnte. Dann kam trotz heftigster Gewissensbisse die nächste Ausnahme. Gomasio, eine Gewürzmischung der asiatischen Küche, die aus gerösteten Sesamkörnern und Meersalz besteht, war eine der beliebtesten.

Ganz außer Kontrolle geriet mein Essverhalten während meiner dritten Schwangerschaft. Die Ausnahmen wurden fast zur Regel. Trotzdem hielt ich weiter an der Vision der veganen Rohkost fest. Ich war davon überzeugt, dass ich nach der Schwangerschaft nicht nur mich, sondern auch dieses Kind 100% roh und vegan ernähren könne. Zu meinem Bedauern konnte ich allerdings weder meine beiden älteren Kinder noch deren Vater von den Vorteilen der veganen Rohkost überzeugen.

Es kam anders wie geplant: Bericht: Vitamin B12-Mangel bei Säuglingen durch vegane Rohkost der Mutter.

Für die Kinder habe ich nach diesen Erfahrungen nicht nur das Experiment Rohkost, sondern auch das der veganen Ernährung abgebrochen. Für sie kamen Fisch und Eier in gekochter Form wieder regelmäßig auf den Tisch. Zusätzlich bekamen sie milchsauervergorene Produkte wie Sauerkraut oder Miso angeboten.

Meine Blutwerte zu dieser Zeit waren übrigens nicht besonders gut, aber auch nicht besorgniserregend. Die Natur opfert wohl im Falle von Unter- bzw. Mangelernährung erst einmal den Nachwuchs. Verständlich, denn ohne die Mutter ist das Kind in jedem Fall verloren.

Für mich ging die Suche nach einer natürlichen und gesunden Ernährung trotz diesen negativen Erfahrungen weiter. Ich war weiterhin fest davon überzeugt, dass eine Ernährung mit rohen Lebensmitteln für jedes Lebewesen geeignet sei. Schließlich ernähren sich sämtliche Wildtiere auf diese Weise. Viele Krankheiten, die den modernen Menschen plagen, sind bei ihnen unbekannt.

Ich probierte es mit Säften, Keimlingen und im Mixer verarbeiteten rohen Gerichten. Auf diese Ideen kommen viele vegane Rohköstler: Sogenannte "Smoothies" werden auch heute noch als Wundermittel propagiert. Die erste Zeit verspürte ich nach dem Genuss solcher Mixturen tatsächlich einen Leistungszuwachs. Die positive Wirkung wurde aber mit jedem Monat schwächer und irgendwann kamen mir die Mischungen im wahrsten Sinne des Wortes zu den Ohren heraus: Ich hatte nicht nur immer wieder mit heftigen Erkältungskrankheiten, sondern auch mit Mittelohrentzündungen zu tun.

Auch sogenannte natürliche Nahrungsergänzungsmittel wie Spirulina-Algen standen auf meinen Speiseplan. Außerdem aß ich immer wieder Rohmilchkäse, obwohl ich eigentlich nicht viel davon hielt. Die Erfahrungen nach dem "Genuss" gaben mir recht, am Morgen danach war ich regelmäßig verschleimt.

Die Ergebnisse dieser Art von Ernährung blieben insgesamt sehr unbefriedigend. Heilungsprozesse, von denen ich annahm, dass sie bei einer Rohkosternährung auftreten würden, kamen nicht in Gang. In den Zähnen breitete sich weiter Karies aus. Außerdem war es mir unmöglich, länger wie ein paar Wochen roh zu bleiben. Immer wieder kam es zu Rückfällen in den Kochtopf, die mich ziemlich frustrierten.

Im Jahre 2000 kam eine weitere Tochter zur Welt. Die ersten Wochen der Schwangerschaft waren sehr anstrengend gewesen, die Geburt verlief dagegen problemlos. Sie fand mit Hilfe einer Hebamme in den eigenen vier Wänden statt. Während der Schwangerschaft kamen immer wieder starke Gelüste nach rohen Eiern auf, denen ich dieses Mal nachgegangen bin. Selten und mit schlechtem Gewissen aß ich auch gekochten bzw. gebratenen Fisch. Ihn roh zu essen kam mir nicht in den Sinn.

Trotz einer im Allgemeinen für gesund gehaltenen Ernährung mit sehr hohem Rohkostanteil traten bei mir dann in den folgenden Jahren vermehrt körperliche und geistige Probleme auf.

Seit 2003 kam es zu häufigen Zwischenblutungen, die sich auch mit ärztlicher Unterstützung nicht besserten. Außerdem war ich zwar körperlich weiterhin sehr leistungsfähig und betrieb leistungsorientiert Ausdauersport, aber ich war unzufrieden mit meiner persönlichen Situation: Die Ehe mit meinem langjährigen Lebensgefährten bestand nur noch auf dem Papier.

Immer wieder kam es zu Ausnahmen. Meine Konzentrationsfähigkeit und mein Kurzzeitgedächtnis wurden schlechter, Symptome, die von den meisten Menschen zwar dem zunehmenden Alter zugeschrieben werden, für mich aber unerklärlich waren, weil sie meiner Meinung nach nichts mit Alter, sondern mit Krankheit zu tun haben. Sie sollten bei einem gesunden Menschen genauso wenig auftreten wie Haarausfall oder frühzeitiges Ergrauen. Außerdem kam es zu immer wieder auftretenden Verletzungen aufgrund meines sportlichen Ehrgeizes.

Ende 2006 kam ich, als bis zu diesem Zeitpunkt erklärter Gegner moderner Kommunikationsmittel, auf die Idee, Hilfe übers Internet zu suchen. Die Suche nach dem Begriff "Rohkost" führte mich auf die Seite eines Rohkost-Forums. Dort kam ich zum ersten Mal seit Beginn meines Rohkost-Experimentes in Kontakt mit anderen an der Rohkost interessierten Menschen. Mir wurde bald klar, dass ich endgültig von der Ideologie der veganen Rohkost Abstand nehmen musste, wenn ich mein Ziel, 100% roh zu leben, verwirklichen wollte.

Moralisch unterstützt durch einen langjährigen Rohköstler habe ich mich im Frühjahr 2007 an das erste Stück Fleisch herangewagt. Es war Kaninchenkeule. Es war nicht ganz einfach, diese Hürde zu nehmen. Die ersten Fleischportionen lagen im Grammbereich, Innereien wie Leber konnte ich nur in Minimengen essen. Mit der Zeit wurden die Portionen jedoch größer. Der Ekel vor rohen tierischen Lebensmitteln verschwand, das Fleischessen wurde zum Hochgenuss.

Meine Ausgaben für Lebensmittel waren anfangs sehr hoch, weil ich eine möglichst große Auswahl an Lebensmitteln zur Verfügung haben wollte. Viele tropische Früchte sind damals auf dem Kompost gelandet, weil ich wirklich nur nach Bedarf gegessen habe und keines meiner Familienmitglieder die ihnen unbekannten Lebensmittel auch nur probieren wollte.

Interessant war, dass einige Lebensmittel, die all die Jahre vorher regelmäßig auf meinem Speiseplan standen, erst einmal vollständig aus meiner Ernährung verschwanden, dazu gehörten u.a. Bananen, Avocados und Mangos.

Die erste Zeit nach der Umstellung war nicht einfach, denn statt zu Wohlbefinden kam es zu massiven Entgiftungserscheinungen und ich habe sehr viel Ruhe gebraucht. Ich war weder emotional noch geistig oder körperlich belastbar, meine sportlichen Aktivitäten musste ich einstellen. Ich verlor massiv an Körpergewicht und wog bei einer Größe von 178 Zentimetern nur noch 48 Kilogramm. Drei Monate nach der Umstellung kam es zu starken Blutungen der Gebärmutter, die etwa drei Wochen lang anhielten. Danach war mein Zyklus erst einmal wieder vollkommen "normal", Zwischenblutungen traten nicht mehr auf. Was auch immer die Ursache der jahrelangen Zwischenblutungen gewesen war - eine Diagnose hatte ich nie stellen lassen - war verschwunden. Freunde und Verwandte haben sich in dieser Zeit wohl ihre eigenen Gedanken gemacht. In meinem Inneren aber war ich rundherum glücklich und zufrieden.

Im zweiten Jahr nach der Umstellung blieben die Monatsblutungen plötzlich aus. Bei einer Ultraschalluntersuchung entdeckte eine Frauenärztin eine Zyste an einem der Eierstöcke, die sich im Laufe der nächsten 6 Wochen vergrößerte. Mir wurde dringend zu einer operativen Entfernung geraten, was aber für mich nicht in Frage kam. Nach weiteren 8 Wochen kam es zu erneuten, stärkeren Blutungen, die Zyste war danach nicht mehr zu sehen.

Im zweiten Jahr begann ich mit der Entfernung der Fremdmaterialien aus meinen Zähnen. Während eines Rohkost-Treffens in Frankreich 2008 war mir klar geworden, dass dieser Schritt dringend notwendig ist, um mit der instinktiven Rohkost-Ernährung klarzukommen und gesund zu werden. Wie Hahnemann, der Entdecker der klassischen Homöopathie es geschrieben hat: eine Heilung von Körper, Geist und Psyche ist nur dann möglich, wenn alle Hindernisse auf dem Weg zur Gesundheit beseitigt sind. Fremdmaterialien im Mund, die, wie man inzwischen weiß, in vielen Fällen zu Problemen im menschlichen Körper führen können, gehören zu diesen Hindernissen. Wenn man wie ich allerdings nicht nur ein paar Füllungen, sondern sieben Kronen und drei wurzeltote Zähne aufzuweisen hat, ist das Entfernen dieser Krücken ein abenteuerlicher Weg: Bericht: Zahnsanierung nach Umstellung auf instinktive Rohkost.

Ich habe mich nach der Ernährunsgumstellung nicht nur von meinen Zahnfüllungen trennen müssen: Das Zusammenleben mit meinem langjährigen Lebenspartner war mittlerweile unerträglich geworden. 2012 wurde unsere Ehe nach einem vierjährigen Rosenkrieg geschieden. Die Umstellung auf instinktive Rohkost war nicht ursächlich verantwortlich für diese Trennung, denn die Diskrepanzen waren auch vorher schon klar erkennbar. Sie hat den Trennungsprozess wahrscheinlich aber stark beschleunigt.

Wie mein Weg weitergeht, kann man im Tagebuch instinktive Rohkost nachlesen, das ich seit September 2011 führe. Hier habe ich außerdem eine ausführliche Fassung meines Weges zur Rohkost veröffentlicht: Wie ich zur Rohkost kam.