Gespräche über die Ursachen von Ausnahmen und Rückfällen

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Bei der Praxis der Rohkost kann es zu Gelüsten auf Gekochtes kommen, die zum Abweichen von der Rohkost führen, dann "Ausnahme" oder "Rückfall" genannt. Die folgende Serie von Gesprächen beschäftigt sich mit diesem Phänomen.

Bedarf

Die Ernährungsintuition versucht einen unterdrückten Nährstoffbedarf zu decken - macht der Körper weise Ausnahmen?

Lotta:
Ich habe bisher rein vegane Rohkost gemacht und merke bei mir selber, dass ich sehr oft Rückfälle habe und generell nicht richtig zufrieden bin.

Arjuna:
Meine Erklärung für Gelüste und Rückfälle ist ziemlich einfach. Sie können folgende Ursachen haben:

  1. Bedarf
  2. Sucht
  3. Relikt der Evolution
  4. Ungeübte Ernährungsintuition
  5. Erziehung und Gesellschaft
  6. Konditionierung

Lotta:
Könntest du das bitte etwas konkretisieren?

Arjuna:
Natürlich! - Wo fangen wir an?

Lotta:
Was hältst du für den entscheidenden Punkt? Den Bedarf, die ungeübte Ernährungsintuition, die Sucht, das Relikt der Evolution, die gesellschaftlichen und sozialen Faktoren oder die Konditionierung?

Arjuna:
Sicherlich ist keines zu vernachlässigen. Doch ich denke, bei einer wirklich ausgewogenen Nahrungspalette, ist die Sucht innerhalb von maximal zwei Monaten überwunden. Gesellschaftliche und soziale Faktoren spielen sicherlich eine nicht zu unterschätzende Rolle. Diese verlieren jedoch an Bedeutung, wenn du wirklich weißt, was du willst. Das Relikt aus der Evolution ist generell eher unbedeutend, wenn man seine Regeln und Besonderheiten kennt. Die Konditionierung kann ebenfalls leicht überwunden werden. Die ungeübte Ernährungsintuition hängt sehr stark mit dem Bedarf zusammen. Deswegen ist der Bedarf der Punkt mit dem wir anfangen sollten: Nahezu jeder "Rückfall", "Fressanfall", "Ess-Tag" oder "Ausnahme" nach einer Zeit von 2 Monaten Rohkost deutet auf einen Bedarf des Körpers hin. Insbesondere bei langjährigen fast bis ganz Rohköstlern.

Lotta:
Über die Sucht hört man ja viel in Rohkost-Kreisen. Viele sagen, die Sucht nach Gekochtem wäre so stark, dass sie ein Leben lang anhalten würde.

Arjuna:
Ich glaube, dass die, die so sprechen, ihr Leben lang gegen einen körperlichen Bedarf ankämpfen. Solche Aussagen hört man ja auch meist von Rohköstlern mit stark eingeschränkter Nahrungspalette. Also beispielsweise veganen Rohköstlern oder gar Obst-Rohköstlern. Ich habe das auch geglaubt. Und ständig gegen Gelüste angekämpft, solange bis ich dann meine Nahrungspalette erweiterte. Von einem auf den anderen Tag war jedes Gelüst bei mir verschwunden.

Lotta:
Das ist ja interessant, erzähle doch etwas mehr darüber.

Arjuna:
Ich habe beobachtet, dass der menschliche Körper immer nach einer ausgewogenen Ernährung strebt. Wenn du ihm wichtige Bestandteile der Ernährung vorenthältst, versucht er das auf die eine oder andere Weise zu kompensieren. Angenommen du ernährst dich ausschließlich von einer eingeschränkten Nahrungspalette. Einer Nahrungspalette, die nur Nahrungsmittel enthält, die einen ganz bestimmten Stoff nicht, oder nur mangelhaft enthalten. Dein Organismus leidet dann also notgedrungen unter Knappheit an einem ganz bestimmten Stoff. In der Folge wirst du bemerken, wie alle Nahrungsmittel die diesen Stoff enthalten, zusehends attraktiver für dich werden. Dies gilt sowohl für Nahrungsmittel außerhalb deiner eingeschränkten Nahrungspalette die den Stoff reichlich enthalten, als auch für Nahrungsmittel innerhalb deiner eingeschränkten Nahrungspalette, die wenigstens Spuren des Stoffes enthalten. Daraus ergeben sich dann zwei Möglichkeiten:

  • Deine Ernährungs-Intuition ist stärker als dein Wille: => Du verlässt deine eingeschränkte Nahrungspalette und greifst zu einem Nahrungsmittel, das dich mit dem nötigen Stoff versorgen kann.
  • Dein Wille ist stärker als deine Ernährungs-Intuition: => Du kompensierst indem du ungeheure Mengen eines Nahrungsmittels aus deiner eingeschränkten Nahrungspalette verzehrst, das wenigstens Spuren des raren Stoffes enthält.

Lotta:
Klingt sehr logisch. Fallen dir hierzu noch konkrete Beispiele ein?

Arjuna:
Hier also Beispiel, das durchaus meinen Erfahrungen entspricht: Angenommen, du ernährst dich von veganer Rohkost. Deine Nahrung besteht ausschließlich aus Obst und Gemüse. Jegliche tierische Produkte, Körner, Salz und Nüsse lehnst du ab. Eine sehr eingeschränkte Nahrungspalette also. Durch eine derartige Nahrung gerätst du mit einer ganze Reihe von essentiellen Stoffen in Engpässe. Doch das dringlichste für deinen Organismus ist beispielsweise zunächst einmal das Salz. Salz wird vom Körper für den gesamten Elektrolyt-Haushalt benötigt. Das Bestreben des Körpers hier keinen Mangel zu erleiden ist also sehr groß. Dein Körper lernt zwar mit der Zeit mit weniger Salz auszukommen, doch wird trotzdem dein Verlangen nach Salzigem wachsen.

  • Entweder du greifst dann zu einem salzigen Nahrungsmittel, das komplett weg ist von der Rohkost. Typisch wären hier: Chips, gesalzene Erdnüsse, ...
  • Oder du hältst dich an deine Ernährungsregeln und beginnst Unmengen von Nahrungsmitteln zu essen, die wenigstens etwas Salz enthalten. Sellerie fällt mir da ein oder Sojasauce zum Dippen von rohem Gemüse.

Lotta:
Es gibt nun aber auch Rohköstler, die Salz essen und trotzdem Ausnahmen machen!

Arjuna:
Ja, deren Rohkost-Form hat den Engpass dann vielleicht nicht beim Salz, sondern bei einem anderen wichtigen Stoff. Der Mechanismus ist immer der selbe.

Lotta:
Du sagst, meine "Ernährungsintuition" würde mich also zu den Ausnahmen verleiten? Aber die Ausnahmen sind doch meistens stark verarbeitet und verarbeitete Nahrungsmittel irritieren doch die Intuition, oder täusche ich mich da?

Arjuna:
Nein, das ist korrekt. Doch ich habe beobachtet, dass trotz dieser Irritation durch verarbeitete Nahrung die Ernährungs-Intuition noch ziemlich gut zu funktionieren scheint.

Lotta:
Wie hast du das beobachtet?

Arjuna:
Ich habe mit vielen Rohköstlern gesprochen und vor allem beobachtet. Mich interessierte vor allem:

  • droht bei ihrer beabsichtigten Ernährung ein Mangel?
  • machen sie Ausnahmen?
  • sind diese Ausnahmen geeignet den drohenden Mangel auszugleichen?

Ich habe darüber Buch geführt und das Ergebnis war verblüffend! In den meisten Fällen war das für die Ausnahme gewählte Nahrungsmittel geeignet den Mangel auszugleichen. Ich kann von für den jeweiligen Mangel typischen Ausnahmen sprechen.

Lotta:
Was sind denn diese "typischen Ausnahmen"?

Arjuna:
Das hängt von der entsprechenden Ernährungs-Form ab und vor allem davon, wo diese Ernährungs-Form Lücken in einer "vollständigen Nahrungspalette" aufweist. Ich habe jede für den Menschen potentiell geeignete Nahrung in 6 Nahrungsgruppen eingeteilt. Diese Nahrungsgruppen sind so gewählt, dass sie leicht einprägsam sind und mehrere Phänomene der Ernährung befriedigend erklären können.
Die 6 Nahrungs-Gruppen sind folgende:

  1. Anorganische
  2. Faserstoffe
  3. Zucker
  4. Stärke
  5. Fette
  6. Proteine

Lotta:
Nach dieser Einteilung passen aber viele Nahrungsmittel in mehrere Gruppen gleichzeitig.

Arjuna:
Im Prinzip schon, doch bei dieser sind nicht nur die den Gruppennamen bestimmenden Inhaltsstoffe berücksichtigt, sondern auch Mikronährstoffe, Vitamine, Mineralien, die Verdauung und die Wirkung auf den Stoffwechsel. In jeder Nahrungsgruppe sind die Produkte untereinander ähnlich und unterschiedlich zu den jeweils anderen Nahrungsgruppen. Hier ein paar Beispiele der Einteilung:

  • Wasser, Salz, Erde - Gruppe 1
  • Gemüse, Algen, Sprossen - Gruppe 2
  • Früchte, Honig - Gruppe 3
  • Kartoffeln, Getreide - Gruppe 4
  • Haselnüsse, Oliven, Sonnenblumenkerne - Gruppe 5
  • Eier, Fisch, Fleisch - Gruppe 6

Lotta:
Wo kommen denn Gemüsefrüchte wie Tomaten oder Paprika rein? Gemüsen oder zu Früchten?

Arjuna:
Ach, ja, fast vergessen zu erwähnen. In Gruppe 2 zu den Faserstoff-Reichen. Für die Einteilung interessiert mich nicht die Botanik, sondern die Inhaltsstoffe des Lebensmittels.

Lotta:
Ist Durian bei den Fetten oder den Früchten?

Arjuna:
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe sie für mich auch noch nicht endgültig geklärt. Doch ich denke er ist in Gruppe 5 bei den Fetten am besser aufgehoben.

Lotta:
Und Safu?

Arjuna:
Zu den Fetten.

Lotta:
Beinhalten diese Gruppen nur unverarbeitete Nahrung?

Arjuna:
Nein, für eine ausgewogene Ernährung ist es wichtig, dass Lebensmittel aus allen 6 Nahrungsgruppen verzehrt werden. Es ist also besser eine Gruppe mit unnatürlichen Nahrungsmitteln aufzufüllen, als sie ganz wegzulassen. Doch ich empfehle beides:

  • Eine vollständige Nahrungspalette bestehend aus allen 6 Nahrungsgruppen UND
  • ausschließlich rohe unverarbeitete Lebensmittel

Lotta:
Du findest die vollständige Nahrungspalette sogar wichtiger als die rohe Nahrung?

Arjuna:
Rohkost mit einer eingeschränkten Nahrungspalette funktioniert für eine begrenzte Zeit recht gut. Vielleicht ist es geeignet als Diät für bestimmte Zwecke. Doch als Dauer-Ernährung ist sie nicht geeignet. Und schon gar nicht als Kinderernährung. Schon nach wenigen Jahren werden die anfänglichen gesundheitlichen Erfolge durch die Rohkost aufgehoben durch die Mängel aus der unvollständigen Nahrungspalette. Eine vollständige Nahrungspalette mit unnatürlich verarbeiteter Nahrung ist ziemlich ähnlich mit der heute üblichen Ernährungsweise. Damit kann man zumindest durchschnittliche 75 Jahre mehr schlecht als recht überleben. Am besten also man beachtet beides. Unveränderte Nahrung UND vollständige Nahrungspalette.

Lotta:
Welche Mängel sind am häufigsten, wenn die Nahrungspalette unvollständig ist?

Arjuna:
Das Fehlen jeder einzelnen Nahrungsgruppe führt zu für sie spezifischen Problemen bzw. Mangelerscheinungen. Als Beispiel sei die Gruppe 6 genannt. Wer keinerlei tierische Produkte verzehrt, der muss Engpässe Befürchten u.a. bei er Versorgung mit: Vitamin B12, Eisen, Zink und Lysin. Doch das sind nur Zahlen. Was ich vor allem beobachtet habe, ist die Gegenregulation der Ernährungs-Intuition. Sobald eine Nahrungsgruppe fehlt, kommt es zu den am Beginn dieses Gesprächs geschilderten Symptomen:

  • Übermäßiges Verzehren einer anderen Nahrungsgruppe als Versuch der Kompensation
  • Gelüste und Ausnahmen, die quasi die fehlende Nahrungsgruppe mit verarbeiteten Nahrungsmitteln ersetzen.

Lotta:
Ich frage mich schon seit ein paar Wochen, ob mir vielleicht doch Tierisches fehlen könnte, um mit der Rohkost zufrieden zu sein oder ob das noch an der Umstellung liegt (bin seit 5 Monaten relativ konstant bei 90% roh).

Arjuna:
Wie schon gesagt: Ich denke, dass jedes Gelüst nach einem Monat Rohkost kein Zeichen von Sucht, sondern von Bedarf ist. Was gleichbedeutend ist mit unvollständiger Nahrungspalette. Dein Körper verlangt nach einer Nahrungsgruppe, die du ihm roh nicht zugestehen willst. Der Bedarf wird immer größer, bis du schließlich eine "Ausnahme" machst. Vegane Rohköstler lieben bei ihren Ausnahmen so vor allem:

  • Tofu
  • Milchprodukte – Käse, Schafskäse, Joghurt
  • Fleischwaren – Wurst, Döner

Rohköstler, die die Nahrungsgruppe 4 ausschließen, also keine stärkehaltigen Produkte zu sich nehmen, zieht es eher zu:

  • Brot
  • Spaghetti
  • Pizza

Weist die Nahrungsgruppe 1 Lücke auf, weil z.B. kein Salz in der Nahrungspalette vorkommt, dann greift man gerne zu:

  • Chips
  • Sojasauce / Tamari

Lotta:
Das trifft auch alles erschreckend auf mich zu. Doch es soll ja auch vegane Rohköstler geben, die keine Ausnahmen machen.

Arjuna:
Sehr willensstarke Rohköstler schaffen es sich um diese Ausnahmen herumzumanövrieren. Doch oft wenden sie andere Kompensationsmechanismen an.

  • Fehlt z.B. Nahrungsgruppe 4 (Stärke), wird übermäßig viel von Gruppe 3 (Zucker) verzehrt.
  • Fehlt Nahrungsgruppe 6 (Proteine), wird übermäßig viel von Gruppe 5 (Fett) verzehrt.

Teilweise kann das groteske Ausmaße annehmen. Interessant ist jedoch dabei, dass trotz Bergen von diesen kompensatorischen Nahrungsmitteln der eigentliche Bedarf nicht gedeckt werden kann und das Essen nicht die erwünschte Zufriedenheit oder Sättigung bringt.

Lotta:
Vielleicht machen dann selbst langjährige vegane Rohköstler mal im Geheimen ihre Ausnahmen!?

Arjuna:
Darüber lässt sich nur spekulieren. Doch der Verdacht liegt nahe. Von manchen hört man es dann ja sogar ...

Lotta:
Ach ja? - von wem?

Ajruna: Ich möchte hier nicht unnötig die Gerüchteküche anheizen. Doch es ist offensichtlich. Trotz dieser Tricks und Kniffe machen selbst die willenstärksten Rohköstler, mit eingeschränkter Nahrungspalette, ihre Ausnahmen. Dann nämlich, wenn Stress ihre Willenskraft schwächt, nützt der Körper die Gelegenheit und holt sich was er braucht. Franz Konz z.B. berichtet das über sich.

Lotta:
Franz Konz??!!!

Arjuna: Ja, Franz Konz berichtet in seiner Vereins-Zeitschrift von sich: "...welcher schwere Schicksalsschlag mich deshalb einmal erwartet? Der mich tagelang heulen, nachts nicht schlafen und tagsüber nicht konzentrieren lässt. Und mir schon sechs Monate lang vier Rückfälle in die Schlechtkost einbrachte." (Franz Konz 4.2002)

Lotta:
Sehr informativ was du mir da erzählst, Danke!

Sucht

Die Sucht nach gekochter Nahrung führt zu Ausnahmen und Gelüsten – die wichtigste Sucht der menschlichen Evolution?

Lotta:
Du sagst, Verlangen nach gekochter Nahrung käme meist von einem Bedarf infolge einer unvollständigen Nahrungspalette. Insgesamt nennst du als Ursachen für Gelüste folgende Punkte:

  1. Bedarf
  2. Sucht
  3. Relikt der Evolution
  4. Ungeübte Ernährungsintuition
  5. Erziehung und Gesellschaft
  6. Konditionierung

Die Bedeutung des Bedarfs übersteigt dabei bei weitem den Stellenwert einer Sucht auf verarbeitete Nahrung. Viele Rohköstler hingegen sehen die Sucht nach zubereiteter Nahrung als Hauptgrund für Ausnahmen und Rückfälle.

Arjuna:
Wie wir in unserem letzten Gespräch jedoch ausführlich erarbeitet haben, sollte man Bedarf und Sucht nicht miteinander verwechseln.

Lotta:
Es scheint auch was dran zu sein: ich bin seit 4 Tagen 100% roh ohne Gelüste, vorher bin ich 5 Monate relativ konstant und unzufrieden bei 90% gewesen, weil ich immer wieder Rückfälle hatte. Ich habe vor ein paar Tagen angefangen mit rohen Eiern, eingeweichtem Hafer und gekeimtem Reis. Mal sehen ob es so positiv weitergeht. Ist die Sucht wirklich so relevant?

Arjuna:
Immerhin ist die Sucht nach Gekochtem so stark, dass sie den Motor für unsere gesamte postneolitische Entwicklung darstellt – also für unsere gesamte Zivilisation.

Lotta:
Unsere Zivilisation ist sozusagen durch Sucht und fehlgeleitete Ernährungsweisen entstanden?

Arjuna:
Bis zum Ende des Paläolithikums vor ca. 10.000 Jahren, lebten unsere Vorfahren von dem, was ihnen die Natur anbot. Sie lebten sozusagen von der Hand in den Mund. – Jäger und Sammler, so nennt sie die Wissenschaft. Das darauf folgende Neolithikum hingegen ist die Zeit der Sesshaftwerdung. Hier begann der Mensch Häuser zu bauen, Ackerbau zu betreiben und Vieh zu züchten. Damals erst wurde auch das Kochen zur regelmäßigen Gewohnheit des Menschen. (Lee et al. 1968, Washburn et al. 1968)

Lotta:
Nicht-Rohköstler können oft nicht glauben, dass die Menschheit erst vor 10.000 Jahren mit dem Kochen begann. Kennst du anthropologische Einzelheiten über den Gebrauch des Feuers?

Arjuna:
Ja. Die Entdeckung des Feuers wird dem "Homo Erectus" – einem Vorfahren des Menschen - zugeschrieben. Homo Erectus lebte ab ca. 1 Million Jahre vor unserer Zeit. Etwa seit 400 000 Jahren begleiten Feuerspuren die Lagerstätten des Menschen. Ob das Feuer in dieser Zeit dem Kochen von Nahrung diente, muss ungeklärt bleiben. Sicherlich ist es wahrscheinlich, dass die Neugierde unsere Vorfahren schon sehr früh dazu brachte, die Nahrung mit dem gezähmten Feuer in Kontakt zu bringen. Definitive Spuren des Kochens finden sich aber erst im Neolithikum, also vor etwa 10 000 Jahren. (Perles 11.1987)

Lotta:
Was für Neuerungen und Vorteile hat das Neolithikum dem Menschen gebracht?

Arjuna:
Dem heutigen Menschen erscheint das Neolithikum als vorteilhafte Entwicklung – Ohne Neolithikum gäbe es die heutige Kultur und Technik nicht, doch für die Menschen von damals war das Neolithikum eine Verschlechterung. Im Paläolithikum lebte der Mensch frei in der Natur. Zur Nahrungsbeschaffung musste er höchstens 4 Stunden aufwenden. Als das Neolithikum dann begann, musste der Mensch "Im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen". Täglich waren 12 Stunden harte Arbeit auf dem Feld und ums Haus nötig! (Camp, Lee 1968, Cohen 1977, Cohen 1989, Pfeiffer 1977)

Lotta:
Vielleicht aber brachte das Neolithikum den Menschen mehr Sicherheit? Nun konnten sie sich Vorräte Anlegen um Zeiten mit weniger Nahrungsangebot leichter zu überstehen.

Arjuna:
Das Gegenteil ist der Fall. Im Paläolithikum als der Mensch noch frei und ungebunden durch die Natur zog, verließ er einfach eine Region mit knapper Nahrung. Nachdem er sesshaft geworden war musste er auch bei Missernte und Umwelt-Katastrophen bei seinem Haus und seinen Feldern ausharren. Er war nun angewiesen auf guten Ertrag seiner Felder. Hungersnöte waren vorprogrammiert. Dieser Meinung sind auch Lee und Cohen. (Lee et all 1968, Cohen 1977, Cohen 1989)

Lotta:
Brachte das Neolithikum dem Menschen gesundheitliche Fortschritte?

Arjuna:
Nein, auch das nicht. In der Zeit des Neolithikums traten Krankheiten auf, wie niemals zuvor. Vom Mahlen des Korns durch das Reiben zweier Steine aufeinander wurden die Knie zerstört und die Wirbelsäule geschädigt. Und eine Vielzahl an internistischen Krankheiten nahm damals ihren Ursprung.

Lotta:
Wie konnte man das feststellen?

Arjuna:
Viele Krankheiten hinterlassen Spuren am Knochen- und Skelett-System. Nach diesen Spuren haben Paläontologen gesucht. Das ist ein recht übliches Verfahren um die Krankheiten von Menschen aus der Vergangenheit zu diagnostizieren. Ein berühmtes Beispiel ist Wallenstein, jener Feldherr des 30-jährigen Krieges. Zu Lebzeiten schreibt er, dass ihn die „Gicht“ plagt und seinen Zeitgenossen fällt zunehmens seine irrationalen Handlungen auf. Heute wissen wir, dass es nicht die „Gicht“ war die den Feldherren plagte, sondern die Lues (= Syphilis).
In der weiteren Vergangenheit des Menschen konnten die Paläologen keinerlei Krankheitszeichen an den Knochen unserer Vorfahren entdecken. Erst vor 450. 000 Jahren tauchte die Alveolar-Pyorrhöe auf. Es folgten Malaria, Menigneome und die Syphilis. Bei diesen 4 Krankheiten blieb es dann für fast 100. 000 Jahre. Dann gesellten sich die Actinomykose (-350.000 Jahre) hinzu. Bis zum Neolithikum vor 10. 000 Jahren konnten keine neue Krankheiten festgestellt werden. Doch dann traten mit einem mal sehr viele gleichzeitig auf:

  • Osteomyelitis (-7000 Jahre)
  • Tuberkulose
  • Rachitis
  • Karies
  • Arteriosklerose (und damit Herzinfarkt)
  • Fettleibigkeit
  • Gicht
  • Lepra (-2500 Jahre)

Wenn wir uns die Zahlen so ansehen gab es zwei Krankheitswellen in der Vergangenheit der Menschheit:

  • Vor 450.000 Jahren zeitgleich mit dem Beherrschen des Feuers
  • Vor 10.000 Jahren zeitgleich mit der Sesshaftwerdung des Neolithikums

(Medicin Impact Hebdo 1996, Grmek, Lee et all 1968, Cohen 1977, Cohen 1989)

Lotta:
Der Verdacht, dass hier ein kausaler Zusammenhang vorliegt liegt schon nahe. Doch vielleicht wurden die Menschen im Neolithikum nur einfach älter und bekamen daher häufiger Krankheiten? - Konnte man feststellen wie alt die Menschen im Neolithikum geworden sind?

Arjuna:
Über das Alter eines Menschen kann man anhand der Knochen nicht viel aussagen. Nach dem 25. Lebensjahr finden keine physiologischen Knochenveränderungen mehr statt. Spätestens mit 25 sind die Schädelknochen zusammengewachsen und die Handwurzel-Knochen verknöchert. (Koletzko 2000) Jede weitere Veränderung am Skelett-System ist pathologisch. Beispielsweise Arthrosen, Arthritis, Osteoporose, Akromegalie. Wenn also die Knochen eines ausgewachsenen Menschen gefunden werden, dann kann man nur feststellen ob dieser Mensch gesund ist oder krank, nicht mehr.

Lotta:
Und unsere Vorfahren aus der Zeit des Paläolithikums waren offensichtlich meist sehr gesund. Was aber war dann der Auslöser für den damaligen Menschen sesshaft zu werden, wenn doch offensichtlich die Nachteile überwogen?

Arjuna:
Darüber streiten sich die Wissenschaftler bis heute. Es gibt die verschiedensten Thesen. Keine konnte bisher überzeugen. (Hayden 1990) Manche führen eine Klima-Veränderung an. Was andere widerlegen mit der Tatsache, dass es zu der Zeit gar keine Klimaänderung gab. Andere glauben an ein Bevölkerungswachstum. Diesen widersprechen jene, die sagen, dass das Bevölkerungswachstum erst NACH der Sesshaftwerdung stattgefunden hat. Einige glauben auch, dass die Erschließung neuer Lebensräume der Grund sein könnte. Es ist jedoch auch bekannt, dass der Mensch erst viel später neue Lebensräume erschloss. So gibt es unzählige Thesen und Gegenargumente. (Rindos 1984, Pryton 1986, Redding 1988, Blumler et all 1991)

Lotta:
Und was meinst du?

Arjuna:
Die Sucht: Irgendwann, vor vielleicht 15.000 Jahren, begann der Mensch, seine erste Nahrung zu kochen, zu braten oder zu backen. Der Geschmack dieser Nahrung versetzte ihn gewissermaßen in eine Abhängigkeit. Besonders war er von durch Hitze veränderten tierischen Lebensmitteln und stärkehaltigen Lebensmitteln angetan. Um sein immer größer werdendes Verlangen danach zu stillen, musste er sesshaft werden, Ackerbau und Viehzucht betreiben. Eine These, die übrigens nicht nur von mir vertreten wird. (Wadley et al 6.1993) Siehe dazu Die Ursprünge der Landwirtschaft.

Lotta:
Allerdings wird ja meistens, wie auch in der Quelle, die du erwähnst, Getreide für die Auslösung dieser Sucht verantwortlich gemacht. Du fasst es aber etwas weiter, wenn ich dich richtig verstehe?

Arjuna:
Bisher wurde nur beachtet, welche Lebensmittel die Menschen zu sich nahmen. Nicht aber wie diese Lebensmittel verarbeitet wurden. Ein sehr entscheidender Punkt, wie ich meine, denn Körner gab es schon immer in der menschlichen Entwicklung. Die Menschen wurden von ihnen nicht süchtig und verzehrten sie gelegentlich frisch vom Gras gezupft. Doch beim Übergang zum Neolithikum wurden sie süchtig nach Körnern. Der entscheidende Faktor ist vielmehr, dass nun die Körner nicht mehr in ihrem ursprünglichem Zustand, also roh, verzehrt wurden, sondern verarbeitet, zum Beispiel als Brot.

Lotta:
Was glaubst du ist der Auslöser für die Suchtwirkung gekochten Essens?

Arjuna:
Nun, es ist ja seit langem bekannt, dass durch das Kochen neue Moleküle entstehen. Schon 1916 wies Maillard durch erhitzen neu entstehende Moleküle nach. In einer einzigen Kartoffel werden 400 dieser sogenannten "Maillard-Moleküle" geschätzt (Derache 3.1982).

Lotta:
Hat sich da seit 1916 was in der Forschung getan?

Arjuna:
Heute kennt man noch viel mehr dieser durch Erhitzen neu entstehenden Moleküle. Acrylamid ist ein Beispiel, das in neuerer Zeit durch die Medien ging. Inzwischen nennt man diese Moleküle nicht mehr "Maillard-Moleküle" sondern AGEs (advanced glycemic endproducts).

Lotta:
Dann isst also fast die gesamte Menschheit trotz besseren Wissens ständig krebserregende Stoffe...

Arjuna:
Acrylamid beispielsweise steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Soweit ich weiß, liegen Daten aus Tierversuchen für diese Annahme vor. Doch auch von den anderen AGEs sind oxidierende, peroxidierende und kanzerogene Wirkungen bekannt. (Deracher 1987, Nutr. Reviews 1989, Neuzil)

Lotta:
Klingt ja nicht gerade appetitanregend.

Arjuna:
Zumindest nicht besonders appetitanregend, was erhitzte Nahrung angeht...

Lotta:
Doch zurück zum Ausgangspunkt. Was haben diese durch erhitzen neu entstehenden Moleküle mit der Sucht nach gekochter Nahrung zu tun?

Arjuna:
Nun, die AGEs sind teilweise stark aromatisch. Sie bewirken u.a. den Geschmacksunterschied zwischen roher und erhitzter Nahrung. Als ein Beispiel möchte ich dich auf die Kartoffel hinweisen. Sie verändert ihren Geschmack von roh nach gekocht vollkommen.

Lotta:
Gut schmecken muss ja nicht gleich süchtig machen.

Arjuna:
Es gibt auch Hinweise, dass sie ein gewisses Abhängigkeits-Potential besitzen - zumindest erklärt das für mich, warum der Mensch das Paläolitikum verließ und ins Neolithikum eintrat.

Lotta:
Durch den Kochvorgang entstehen also potentiell süchtig machende Substanzen. Klingt irgendwie alles in allem schon logisch. Um sich ihren "Stoff" zu besorgen werden ja Drogensüchtige auch erstaunlich kreativ.

Arjuna:
Heute ist es einem Süchtigen möglich eine Bank auszurauben oder irgendwo Geld für seine Sucht zu beschaffen. Unsere Vorfahren mussten sich für ihre Sucht 12 Stunden am Tag abrackern und entwickelten durch ihren neuen Lebensstil unsere heutige Kultur. Diese Sucht ist jedenfalls eine These, die manche Phänomene gut erklären kann. Interessant wäre es zu wissen, was passiert wäre, wenn der Mensch nicht angefangen hätte zu Kochen. Vielleicht wären wir heute glücklicher und gesünder?

Lotta:
Darüber können wir nur spekulieren. Erschreckend finde ich, dass unsere Kultur demnach auf einem kollektiven Irrtum basiert. Wenn man mal darüber nachdenkt, stellt das ja alles, was wir kulturell und sozial als normal ansehen, in Frage. Unsere Staatssysteme, Erziehungsmethoden, wirtschaftliche und ökonomische Probleme. Stellt solch eine These nicht unsere gesamte Kultur in Frage?

Arjuna:
Soweit würde ich nicht gehen. Unsere Kultur hat auch viel Schönes und Nützliches hervor gebracht. Ich liebe Kunst (Musik, Theater, Oper und gute Bilder), ich liebe auch die Technik. Die Möglichkeit der weltweiten Kommunikation. Ich bin eigentlich sehr froh darüber, dass der Mensch vor 10 Tausend Jahren das Neolithikum betrat.

Lotta:
Auch wenn der Beginn des Neolithikums eine Sucht war? - Und eine gesundheitsschädliche Sucht obendrein?

Arjuna:
Heute haben wir die einmalige Möglichkeit im Bereich der Ernährung wieder annähernd im Paläolithikum zu leben, ohne auf Kultur und Technik verzichten zu müssen. Eine historisch einmalige Chance. Dem mittelalterlichen Bauern wäre das noch nicht möglich gewesen.

Lotta:
Natürlich plagt unter anderem diese Sucht nach gekochter Nahrung den Rohköstler und verleitet ihn zu Ausnahmen und Rückfällen.

Arjuna:
Zumindest in der ersten Zeit der Rohkost-Ernährung. Denn nach meiner Erfahrung ist diese Sucht schon nach ein paar Monaten überwunden. Jedes weitere Verlangen nach gekochter Nahrung zeigt so einen Bedarf an. Einen Bedarf an einem Lebensmittel, das sich der Rohköstler nicht in natürlicher Form zuführen will.

Lotta:
Danke für diese umfangreiche Erklärung.

Relikt der Evolution

Die Ernährungs-Intuition versucht einen in der Evolution bestehenden Engpass auszugleichen - Appetit nach dem Mangel vor zehntausend Jahren?

Lotta:
Du bist der Meinung, für Gelüste sei vor allem der Bedarf nach fehlenden Nährstoffen verantwortlich. Als nächste wesentlich unbedeutendere Ursache nennst du die Sucht nach verarbeiteter Nahrung. Ich kann diese Einschätzung von dir recht gut teilen. Mittlerweile sind zwei weitere Monate vergangen und die Rohkost funktioniert nun wesentlich besser als jemals zuvor. Seit ich Eier, Fisch und rohen Hafer in die Nahrungspalette mit einbezogen habe, haben sich meine Gelüste drastisch minimiert. Ich habe dann Testweise für zwei Wochen wieder rohes Getreide, Salz und tierische Produkte weggelassen und hatte prompt wieder Gelüste auf Pizza, Chips, Spaghetti, genau wie du es beschrieben hast. Zwei Wochen sind zwar eine relativ kurze Zeit, die die meisten sicher leicht überbrücken können ohne Gelüste, aber ich stille ein Kleinkind und habe daher einen recht hohen zusätzlichen Energiebedarf. Mir fällt beim Lesen in diversen Foren auch auf, das besonders vegane Stillmütter immer wieder Rückfälle haben und keine Zufriedenheit mit der veganen Rohkost erreichen. Seit die Nahrungspalette wieder stimmt, ist alles super, ich verschwende nicht einen Gedanken an gekochtes Essen und bin sehr zufrieden mit der Rohkost. Sowohl körperlich als auch seelisch. Eine sehr interessante Beobachtung, die du da mit den "weisen" Ausnahmen gemacht hast.

Arjuna:
Was du berichtest ist sehr interessant. Danke! Es klingt für mich logisch, dass gerade stillende Mütter über eine besonders stark ausgeprägte Nahrungsintuition verfügen. Der Körper muss Milch erzeugen und holt sich über die Nahrung alles, was er dafür benötigt. Ein ähnliches Phänomen wurde auch im Tierreich beobachtet. Hühner passen intuitiv ihre Nahrungsaufnahme dem Bedarf der Ei-Produktion an. Doch dazu später mehr.

Lotta:
Doch mit Bedarf und Sucht erschöpft sich die Liste der möglichen Ursachen für Gelüste noch nicht. Insgesamt kommst du zu folgender Aufstellung:
1. Bedarf
2. Sucht
3. Relikt der Evolution
4. ungeübte Ernährungsintuition
5. gesellschaftliche und soziale Faktoren
6. Konditionierung

Lotta:
Das "Relikt der Evolution" rangiert als nächster Punkt in dieser Liste. Die ersten Gründe hast du ja schon genauer erläutert. Was es mit diesem "Relikt der Evolution" auf sich hat, interessiert mich. Kannst du dazu näheres erklären?

Arjuna:
Gerne, es ist ein wesentlicher Punkt. Um ihn zu verstehen ist es wichtig die Grundlagen der Ernährungsintuition zu verstehen. Also... der Mensch entwickelte sich über einen Zeitraum von 3,6 Milliarden Jahren.

Lotta:
3,6 Milliarden Jahre? Ich dachte Humanoiden gibt es seit 3,6 Millionen Jahren?

Arjuna:
3,6 Milliarden Jahre ist die Zeit, seit der es Leben auf der Erde gibt. Die Gene des Menschen sind die stetige Fortentwicklung dieses ersten Lebens, das sich anpasste und anpasste und immer weiter anpasste, bis vor ca. 3,6 Millionen Jahren die ersten direkten Vorfahren des Menschen die Erde bevölkerten.

Lotta:
Selbst 3,6 Millionen Jahre sind eine lange Zeit. Unglaublich kurz erscheinen dagegen die letzten 10.000 Jahre in denen der Mensch sein Essen zubereitet und kocht.

Arjuna:
Allerdings und die Gene des Menschen tragen all die Erfahrungen und Anpassungen dieser Zeit in sich. Die Erfahrungen der 3,6 Millionen Jahre menschenähnlichen Daseins und auch die der 3,6 Milliarden Jahre bis zum Beginn des Lebens, das Wunder der Evolution. In dieser sehr langen Zeit waren die Vorfahren des Menschen stets darauf angewiesen, sich möglichst gut zu ernähren. Denn ohne Frage war eine optimale Ernährung ein starker evolutorischer Vorteil.

Lotta:
Survival of the fittest (= "Überleben des Bestangepaßten" - oft fälschlich übersetzt als: "Überleben des Stärksten")

Arjuna:
Die Evolutions-Theorie besagt ja, dass nur das Lebewesen langfristig bestehen kann, das optimal an seine Umwelt angepasst ist. Bezogen auf die Ernährung bedeutet dies: Ein Lebewesen, das sich nicht optimal zu ernähren weiss, stirbt aus. Vereinfacht ausgedrückt, wenn unsere Vorfahren giftige Pflanzen von essbaren nicht hätten unterscheiden können, wären sie schnell ausgestorben, weil sie sich vergiftet hätten.

Lotta:
Deswegen hat sich der Nahrungsinstinkt entwickelt...

Arjuna:
Genau! Unsere Vorfahren mussten diese Unterscheidung schon absolut sicher treffen in einer Zeit, lange bevor das Gehirn für Lern-Aufgaben geeignet gewesen wäre. Vor ca. 100 Millionen Jahren lebten die Vorfahren des Menschen als Kleinsäuger. "Tetonius" hieß dann der erste Primat. Er tauchte vor ca. 60 Millionen Jahren auf der Erde auf und ähnelte im Körperbau entfernt einem heutigen Siebenschläfer. Diese frühen Vorfahren des Menschen mussten instinktiv oder besser intuitiv wissen, welche Nahrung essbar ist und welche nicht.

Lotta:
Diese Unterscheidung wird aber noch weit entfernt von der exakten und präzisen "Ernährungs-Intuition" gewesen sein, die du der Menschennahrung heute zu Grunde legst. Mit ihr soll man ja selbst komplexeste Situationen erkennen und jeden Bedarf optimal decken können.

Arjuna:
Die Ernährungsintuition hatte anschließend ja auch lange genug Zeit sich zu vervollkommnen. Je besser sich ein Lebewesen zu ernähren weiss, desto besser ist seine Chance zu überleben und seine Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Eine optimale Ernährungsintuition gehört zu der Anpassung an den Lebensraum notwendigerweise dazu.

Lotta:
Gibt es denn Beweise dafür, dass diese Ernährungs-Intuition wirklich existiert?

Arjuna:
Massenhaft. Das Huhn z.B. wählt exakt die Nahrung, mit deren Hilfe es den gerade anstehenden Schritt beim Aufbau des gerade in Produktion befindlichen Eis optimal bewältigen kann. Bei Erzeugung des Weißen isst das Huhn bevorzugt proteinreiche Nahrungsmittel, für die Hydrierung des Eis trinkt das Huhn gewaltige Mengen, bei der Bildung der Schale bevorzugt es Kalzium. Und das jeden Tag aufs Neue. (Science et vie 6.1978)

Lotta:
Könnte das Huhn nicht auch eine art genetischen Tagesrhythmus entwickelt haben?

Arjuna:
Könnte man denken, doch dieser Rhythmus funktioniert auch bei Hühnern, die ohne Tageslicht aufgezogen wurden. (Science et vie 6.1978)

Lotta:
Dann könnte es immer noch ein einfacher Rhythmus sein.

Arjuna:
Möglich, doch es gibt noch weitere Hinweise auf eine Ernährungsintuition:
Der amerikanische Professor Richter machte Versuche mit Ratten und konnte feststellen, dass eine Ratte ihre Nahrungsauswahl nach ihrem Bedarf genau ausrichten kann. Das funktionierte sogar dann noch, wenn man das interne Gleichgewicht der Ratte versuchsweise änderte. Die Ratte wusste diesen Änderungen durch die Nahrungsauswahl adäquat Rechnung zu tragen. (Science et vie 6.1978)

Lotta:
Wie wurde das interne Gleichgewicht geändert?

Arjuna:
Indem man Insulin spritzte, oder die Bildung von verschiedenen Hormonen bei ihr blockierte.

Lotta:
Hast du vielleicht auch ein Beispiel, das näher an uns Menschen liegt?

Arjuna:
Natürlich. Eine Forschergruppe, die sich mit der Beobachtung von Schimpansen beschäftigte fand in einer Gruppe ein erkranktes Jungtier vor. Dieses zeigte nach einigen Tagen der Krankheit ein auffallendes Verhalten: Das Jungtier verließ die sichere Nähe der Mutter und suchte zielstrebig eine Pflanze auf, die normalerweise nicht zu den Nahrungspflanzen der Schimpansen gehörte. Das Jungtier aß ein paar Blätter der Pflanze. Wenige Tage später war es genesen. Die Forscher waren an der Pflanze interessiert und analysierten deren Inhaltsstoffe. Die Pflanze enthielt ein natürliches Antibiotikum. Woher also sollte der junge Affe wissen, dass ihn genau diese Pflanze heilen würde? Woher die genaue Dosierung kennen? Wenn nicht aus der Ernährungsintuition? Es handelte sich ja noch um ein Jungtier, bei dem bisher noch keine Möglichkeit für das Lernen um die Heilwirkung dieser Pflanze bestanden hatte.

Lotta:
Verblüffend. Und am Menschen? Hat der Mensch noch diese exakte Ernährungsintuition? Es wäre ja auch denkbar, dass wir diese Intuition inzwischen durch die Möglichkeit etwas zu erlernen verloren haben.

Arjuna:
Es spricht einiges dafür, dass diese Intuition immer noch existent ist. So zeigt meine Beobachtung, dass ein Mensch der einen Mangel an einem bestimmten Nahrungsstoff leidet, diesen intuitiv auszugleichen sucht. Das trifft für viele Beispiele zu.

Lotta:
Damit wären wir wieder bei den Ausnahmen durch Bedarf.

Arjuna:
Genau. Vegane Rohköstler machen nach meiner Beobachtung ihre Ausnahmen meist bei tierischen Produkten wie Milch, Eier, Fleisch, Wurst, Käse... oder zumindest bei ganz ähnlich erscheinenden Dingen wie: veganer Wurst, Tofu, ...

Lotta:
Auch dass Rohköstler, die keine Körner in ihre Ernährung aufnehmen wollen, ihre Ausnahmen gerne bei Brot, Spaghetti und ähnlichem machen. Wer sich Salz verweigert, der greift gerne zu Salzigem...

Arjuna:
Ja, das gehört in diesen Zusammenhang. Ein Beispiel fällt mir noch ein:
Als Diagnose-Kriterium des Vitamin B12 Mangels steht in vielen Lehrbüchern folgendes: "Appetit auf rohe Leber" - Welches Lebensmittel wäre wohl besser geeignet einen Vitamin B12 Mangel auszugleichen? Dieser "Appetit auf rohe Leber" ist also die perfekte Äußerung der Ernährungs-Intuition bei einem unter Vitamin B12 Mangel leidenden Menschen.

Lotta:
Veganer mit einem Vitamin B12 Mangel haben Appetit auf rohe Leber?

Arjuna:
Veganer sind hier wohl weniger gemeint. Den meisten Menschen mit Vitamin B12 Mangel fehlt der Intrinsic Factor. Sie essen genug Tierisches, nur sie können das Vitamin B12 nicht aufnehmen. Veganer würden sich diesen Appetit wahrscheinlich nicht zugestehen und unterdrücken.

Lotta:
Es scheint also wahrscheinlich, dass die Ernährungs-Intuition existiert. Doch wir sind vom Thema abgekommen. Du wolltest erklären, warum Gelüste auf unnatürliche, verarbeitete Nahrung ein Relikt der Evolution sind.

Arjuna:
Nun, so weit sind wir vom Thema gar nicht weg. Diese Ernährungs-Intuition entwickelte sich im Laufe der 3,6 Milliarden Jahre dauernden Evolution zu einem perfekt funktionierenden Werkzeug. Da ist nur ein kleiner Haken...

Lotta:
Ein Fehler in der Evolution? Nicht wirklich ein Fehler, denn die Intuition benötigt die Bedingungen, unter denen sie sich entwickelt hat, um perfekt zu funktionieren.

Arjuna:
Ja. Jedes Werkzeug, sei es auch noch so perfekt funktioniert nur in dem Bereich, für den es entwickelt wurde. Ein Rennauto beispielsweise ist dafür konzipiert, auf asphaltierten Strecken hohe Geschwindigkeiten zu fahren. Würde man es auf unebenen Feld-Wegen einsetzen, wäre es schnell defekt. Bezogen auf die Ernährungs-Intuition bedeutet dies: sie wurde unter den ursprünglichen Bedingungen im Laufe der Menschwerdung entwickelt und konnte sich an unsere heutige verarbeitete Nahrung nicht anpassen.

Lotta:
Das ist klar! Nehmen wir als Beispiel noch einmal die Maillard-Moleküle. Das sind unter anderem kanzerogene Stoffe, die beim Verarbeiten der Nahrung entstehen und den Menschen erkranken lassen. Die Ernährungs-Intuition kann uns vor diesen nicht warnen, da sie sich an diese nicht anpassen konnte.

Arjuna:
Das ist die eine Sache, die andere Sache ist die:
Wir Menschen leben heute wie im Schlaraffenland. Wir können essen, was immer und wann immer wir wollen. Für unsere Vorfahren sah das anders aus. Energiereiche Nahrung war für sie stets eine gefragte Mangelware. Daher wurde die Ernährungs-Intuition darauf getrimmt, möglichst viel energiereiche Nahrung zu finden und diese als angenehm anzuzeigen. Zucker, Stärke, Fette, Proteine waren knapp, doch waren sie essentiell nötig zum Überleben. Ein Zuviel gab es davon niemals.

Lotta:
Heute sieht es anders aus.

Arjuna:
In der Zeit der Evolution gab es keine Eiskreme, Hamburger, Pommes Frites, usw. Diese Dinge erscheinen daher für unsere Ernährungs-Intuition wie die ideale Nahrung! Reich an Zucker, Stärke, Fett und Protein, Substanzen also, die ursprünglich knapp waren.

Lotta:
Was du sagst, bezieht sich nicht nur auf verarbeitete Nahrung. Es besteht also auch eine Falle bei einer rein rohen Ernährung!

Arjuna:
Auch übermäßig vorhandene rohe Nahrung irritiert unsere Ernährungs-Intuition. Wir haben heute stets eine riesige Auswahl an rohen Nahrungsmitteln gleichzeitig.
Ein Beispiel:
Für unsere Vorfahren war es sehr leicht, grüne Blätter zu essen. Sie mussten dafür nur den Mund öffnen. Sie wuchsen ihnen förmlich hinein. Hatten sie Hunger, so standen in erster Linie grüne Blätter zur Verfügung. Nur wenn sie durch diese nicht gesättigt werden konnten, dann suchten sie weiter. Als nächstes boten sich ihnen Obst und Früchte an. Danach erst Körner und Samen, Fette und letztlich tierische Proteine.

Lotta:
Es würde also zu Fehlern führen, wenn wir intuitiv aus einem großen Angebot mit allen nur denkbaren ursprünglichen Lebensmitteln auswählen würden. Die ursprünglich knappen Lebensmittel würden uns überproportional attraktiv erscheinen und uns zu einem übermäßigem Verzehr verleiten.

Arjuna:
Doch diesem Problem können wir ganz einfach begegnen, indem wir bei unserer Nahrungsauswahl die ursprüngliche Verfügbarkeit simulieren. Und zwar folgendermaßen:
Man bietet sich die Nahrungsmittel zur intuitiven Auswahl in der Reihenfolge an, in der sie ursprünglich von der Natur angeboten wurden. Wenn du Hunger hast, dann beantwortest du als erstes die intuitive Frage nach den häufigsten Nahrungsmitteln. Wenn du hier deinen Bedarf gedeckt hast, oder keinen Bedarf hast, dann schreitest du zur nächsten weniger verfügbaren Nahrungsgruppe fort und so weiter.

Lotta:
Das bedeutet im Klartext folgende Reihenfolge:

  1. Nahrungsgruppe: Wasser, Salz, grünes Blattgemüse, ...
  2. Nahrungsgruppe: Gemüse, Sprossen, ...
  3. Nahrungsgruppe: Früchte, Obst, ...
  4. Nahrungsgruppe: Körnern, Samen, ...
  5. Nahrungsgruppe: Nüsse, Avocados, Oliven, Sonnenblumenkerne, ...
  6. Nahrungsgruppe: Eier, Fisch, Fleisch, ...

Das könnte man leicht so verstehen, alles nacheinander in eine Mahlzeit zu packen.

Arjuna:
Nein, das wäre unverdaubar. Bei jeder Mahlzeit natürlich nur ein bis zwei Nahrungsgruppen (außer Gruppe 1) unter Beachtung spezieller Kombinations-Regeln. Diese findest du hier: Tipps für gute Nahrungskombinationen, genauso wie die Kombinations-Regeln und die vollständige Nahrungspalette.

Lotta:
Eine sehr sinnvolle Sache, mit den Kombinations-Regeln die ursprüngliche Verfügbarkeit zu simulieren. Der Ausgangspunkt unseres Gesprächs waren ja die "Gelüste nach verarbeiteter Nahrung als Folge eines Relikts der Evolution". Zusammenfassend könnte man also sagen verarbeitete Nahrungsmittel erscheinen deshalb unverhältnismäßig attraktiv, weil sie unsere Ernährungs-Intuition durch eine übermäßige Menge an ursprünglich knappen Nahrungsbestandteilen irritieren. Eine wirklich sehr interessante und neue Erklärung, Arjuna.

Ungeübte Ernährungsintuition

Die Ernährungsintuition zeigt den Bedarf nach einem Stoff an, für den sie bisher noch kein ursprüngliches Nahrungsmittel als Quelle kennengelernt hat.

Lotta:
In unserem letzten Gespräch haben wir viel über die Ernährungsintuition gesprochen. Wir haben festgestellt, dass sie uns in unserer heutigen, unnatürlichen Lebensweise mitunter auch in die Irre führen kann. Das lässt sich umgehen, wenn man über Kombinations-Regeln die ursprünglichen Gegebenheiten simuliert. Nun nennst du in deiner Liste unter den Gründen für Gelüste, Ausnahmen und Rückfälle in die Kochkost auch noch die "ungeübte Ernährungsintuition". Insgesamt sieht die Aufzählung folgendermaßen aus:

  1. Bedarf
  2. Sucht
  3. Relikt der Evolution
  4. Ungeübte Ernährungsintuition
  5. Erziehung und Gesellschaft
  6. Konditionierung

Wie wir in unserem letzten Gespräch erarbeitet haben, ist die Ernährungsintuition genetisch festgelegt. Wie kann etwas, das genetisch festgelegt ist, "ungeübt" sein?

Arjuna:
Man kann sich die Funktionsweise der Ernährungsintuition etwa so vorstellen:
Nach dem Verzehr eines Lebensmittels treten die Inhaltsstoffe dieses Lebensmittels ins Blut über und es erfolgt eine physiologische Reaktion im Organismus. Diese Reaktion wird mit dem Geschmack des verzehrten Lebensmittels in Verbindung gesetzt und als solches für das Instrument der Ernährungsintuition abgespeichert.

Lotta:
Also eine Art Analyse der Inhaltsstoffe im Körper. Hat nun der Organismus Bedarf, so kann er sich dieses Speichers an Erfahrungen bedienen und wird über die Ernährungsintuition auf das Lebensmittel verwiesen, das diesen Bedarf am besten decken kann.

Arjuna:
Dabei ist zu beachten, dass es der Intuition letztlich egal ist, ob das Produkt nach der sie verlangt, ein ursprüngliches oder ein verarbeitetes Lebensmittel ist. Schließlich konnte sich der Organismus noch nicht an die durch die Verarbeitung entstehenden neuen Moleküle oder unnatürlichen Geschmacksstoffe anpassen. Die Ernährungsintuition bewertet also jedes zugeführte Nahrungsmittel gleich.

Lotta:
Besteht also Bedarf nach einem stärkehaltigen Lebensmittel (Nahrungsgruppe 4), so verlangt der Organismus per Ernährungsintuition ein ihm vertrautes Nahrungsmittel, das diesen Bedarf decken kann. Dies können entweder ursprüngliche Körner und Samen sein oder verarbeitete Getreideprodukte wie Brot und Spaghetti.

Arjuna:
Noch interessanter wird es, wenn der Organismus Bedarf an einem Stoff hat, den er bisher überhaupt noch nicht in einem Nahrungsmittel gefunden hat. Die Ernährungsintuition deutet einen Bedarf an, doch dieses "deuten" ist nicht zielgerichtet. Es entsteht ein unbestimmtes Gelüst.

Lotta:
Das lässt sich nachvollziehen, auch anhand der Praxis. Diese unbestimmten Gelüste treiben dazu an, Ausnahmen zu machen, zu naschen und zu probieren. Jeder kennt wahrscheinlich das Gefühl, zum Kühlschrank zu gehen, weil man noch Lust auf "etwas" hat, etwas, und man weiß nicht, auf was.

Arjuna:
Dieses Probieren und Naschen ist auch die Botschaft, die dir die Ernährungsintuition vermittelt. Die Intuition sagt: "Ich habe Bedarf an etwas, weiß aber nicht wo ich es finden kann. Such doch mal. Bestimmt finden wir was passendes." Natürlich hatte sich die Intuition dabei auf ein ursprüngliches Umfeld eingestellt. In so einem Umfeld hätte man nun einfach ganz wahllos begonnen, an den verschiedensten Dingen in der Umgebung zu riechen, zu schmecken. Findet man etwas, dann hätte man ein ganz klein wenig probiert.

Lotta:
Heute läuft das noch genauso ab. Leider in der unnatürlichen Auswahl des Kühlschrankes. Besser wäre es also, in solch einer Situation an allen möglichen ursprünglichen Nahrungsmitteln zu riechen und davon zu probieren. Gerade von Dingen, die man sonst in seiner Auswahl eher vernachlässigt.

Arjuna:
Dabei ist es sogar ratsam, Lebensmittel ausprobieren, die dir zunächst unangenehm oder gar eklig erscheinen. Vor allem, wenn du bisher nur sehr wenig davon verzehrt hast.

Lotta:
Auf den ersten Blick widerspricht sich das mit der Ernährungsintuition. Diese soll einem ja eigentlich alles angenehm erscheinen lassen, was der Körper benötigt.

Arjuna:
Nur sofern der Organismus mit diesen Lebensmitteln bereits vertraut ist. Unbekannte Lebensmittel bergen stets die Gefahr, sich damit zu vergiften. Daher verhindert die Ernährungsintuition deren übermäßigen Verzehr durch die Empfindung von Abneigung oder Ekel.
Hat nun jedoch der Organismus einen unbestimmten Bedarf, so wird man angetrieben, alles mögliche Unbekannte zu probieren. Allerdings nur in dem engen Bereich zwischen der unbestimmten Anziehung zu allen unbekannten Nahrungsmitteln und einem Gefühl der Abstoßung gegenüber diesen.

Lotta:
Daraus ergibt sich folgende Konsequenz:
Ich probiere vom unbekannten, rohen Nahrungsmittel – aber nur sehr wenig. Und ich esse es alleine für sich, damit die Ernährungsintuition ganz spezifisch dieses eine Nahrungsmittel kennenlernen kann.

Arjuna:
Testest du auf diese Weise ein neues Nahrungsmittel, so geht die physiologische Reaktion des Organismus in den Speicher der Ernährungsintuition ein. Ist das Nahrungsmittel dir nicht zuträglich, so bleibt auch weiterhin eine starke Abstoßung bestehen. Vielleicht wird die Abstoßung sogar noch stärker. Ist das Lebensmittel dir zuträglich, so wird die Abstoßung etwas geringer. Wenn du das nächste Mal davon probierst, wirst du merken, dass du bereits ein ganz klein wenig mehr davon verzehren kannst.
Der Organismus erforscht so ganz langsam ein neues Nahrungsmittel. Durch die Abstoßung und den Ekel ist er stets vor einer Vergiftung geschützt. Nach etlichen immer größer werdenden Versuchen mit einem Lebensmittel wird die Ernährungsintuition allmählich damit vertraut und kann dich bei Bedarf spezifisch zu ihm führen.

Lotta:
Wenn man mit der rohen Ernährungsform beginnt, wird die Ernährungsintuition einen also fast immer zu verarbeiteten Produkten führen. Die rohen Analoga sind ja noch weitgehend unbekannt und werden deshalb als unbekannte Produkte intuitiv eher ablehnend und mit Ekel behandelt.

Arjuna:
Genau das kann man sogar im Tierreich beobachten:
Eine Freundin von mir hat beschlossen, ihre Hunde roh zu ernähren. Sie überlegte sich, Hunde stammen von den Wölfen ab, also ist die ursprüngliche Hundenahrung rohes Fleisch, natürlich auch mit allerlei rohen Pflanzen. Erstaunlich war jedoch, dass die Hunde das rohe Fleisch ablehnten, als sie es ihnen zum erstenmal anbot. Sie schnupperten daran, probierten ein wenig, aber fraßen es nicht. Ihre Hunde hatten bisher in ihrem ganzen Leben nur gekochtes Fleisch aus Hundefutter-Dosen bekommen. Das kannte die Ernährungsintuition. Nicht jedoch das rohe Fleisch. Letzteres war für die Hunde neu. Also verhinderte die Ernährungsintuition über Ekel und Abneigung einen übermäßigen Verzehr. Nach ein paar Wochen jedoch hatten die Hunde sehr langsam und bedächtig genügend Bekanntschaft mit dem rohen Fleisch gesammelt und fraßen es nun mit sichtlichem Vergnügen.

Lotta:
Wieder auf den Menschen bezogen kann man folgern, dass es klug ist, gerade auch diese abstoßenden und ekligen Produkte gelegentlich zu probieren. Nur so kann man dann, im Falle eines Bedarfs, diesen auch mit ihnen decken. Das Beispiel mit den Hunden ist sehr direkt auch auf den Menschen übertragbar. Wohl die wenigsten Menschen haben vor dem Beginn mit roher Ernährung Erfahrungen mit rohem Fleisch gesammelt. Also ist es abstoßend. Früchte, Gemüse und Nüsse hingegen nicht. Die kennt der Organismus ja bereits aus Zeiten in denen sie Beilage zu verarbeiteter Nahrung waren.

Arjuna:
Wobei unbekannte exotische Früchte genauso wie rohe tierische Produkte oftmals zu Beginn der Rohkost-Ernährung als eklig empfunden werden. Ich erinnere mich hier an meine erste Durian, die erste Safu, Algen, sogar Avocado, ...

Lotta:
Ja, das kann ich auch bestätigen. Durian und Sapote Amarillo fand ich beim ersten Mal richtig widerlich. Jetzt liebe ich sie. Doch ist es bei Früchten nicht so entscheidend, denn in der Nahrungsgruppe der Früchte (Nahrungsgruppe 3) sind viele andere und von vorneherein bekannte Früchte enthalten, die den Bedarf mit Leichtigkeit decken können. Ausnahmen bilden hier vielleicht noch unbekannte fettreiche Tropenrüchte wie Durian, Safu, Lucuma oder Sapote Amarillo, die meines Erachtens langfristig auch unersetzbar werden könnten.
Die Nahrungsgruppe 6 (= tierische Proteine) hingegen ist roh meist völlig unbekannt und wird daher komplett als abstoßend empfunden. Dies führt dazu, dass man nichts davon probiert, bis ein großer Bedarf entsteht. Dann deutet die Ernährungsintuition zu verarbeiteten Nahrungsmitteln, die den Bedarf decken könnten. Nicht jedoch zu den rohen Äquivalenten. Mit diesen hat sie ja immer noch keine Erfahrungen sammeln können.

Arjuna:
Noch extremer wird es, wenn die tierischen Produkte nicht nur deshalb nicht verzehrt werden, sondern auch aus intellektuellen Gründen. Also weil man vom Verstand her beschlossen hat, sich nun „vegan“ zu ernähren.
Der Intellekt fühlt sich sogar noch bestätigt in seiner Annahme, rohe tierische Produkte wären eben nichts für Menschen, denn sie erscheinen ja auch intuitiv eklig und abstoßend. Vergessen wird dabei nur, dass ALLE unbekannten Nahrungsmittel immer zunächst eklig und abstoßend wirken. Dieser Ekel und Abneigung kann auch nicht durch einmaliges Riechen oder Probieren überwunden werden. Man muss der Intuition einfach immer wieder die Gelegenheit geben, sich mit einem unbekannten Lebensmittel auseinanderzusetzen. Die Ernährungsintuition braucht eine Chance, sich auf ein neues Nahrungsmittel einzustellen.

Lotta:
Das entspricht auch der Erfahrung vieler Rohköstler. Ich kenne keinen, der sagt, ihm hätten rohe tierische Nahrungsmittel von vorneherein gut geschmeckt. Hingegen viele langjährige Rohköstler, die tierische Produkte gelegentlich mit sehr großem Genuss verzehren. Die allermeisten von diesen langjährigen Rohköstlern haben ihre Rohkosternährung vegan begonnen. Erst gesundheitliche Probleme haben ihnen die Augen geöffnet, dass sie vielleicht noch eine wichtige Nahrungsgruppe ausschließen.

Arjuna:
Zunächst waren rohe Eier auch für mich sehr eklig. Doch ich hatte eben dieses unbestimmte Verlangen meiner Ernährungsintuition, die mir einen Bedarf anzeigte. Die Intuition deutete auf allerlei verarbeitete tierische Produkte oder ähnlich schmeckende Produkte wie Käse, Spiegelei, Wurst, Tofu... Ich wollte jedoch meinen Bedarf nicht mit verarbeiteten Produkten decken, sondern mit Ursprünglichen. Also wagte ich mich an das rohe Ei heran, teilweise angezogen, teilweise abgestoßen durch die Ernährungsintuition. Beim ersten Mal war es gerade mal ein kleiner Probierhappen. Doch schon am nächsten Tag führte mich die Intuition wieder zum Ei. Es wurde schon ein ganzes Ei draus, bevor der Ekel vor unbekannten Produkten die Grenze zog. Ein paar Tage später dann verzehrte ich mit großem Genuss 10 rohe Eier. Ich hatte einen großen Bedarf aus meiner langen Zeit der rein veganen Rohkosternährung. Inzwischen ist dieser große Bedarf gedeckt und ich verzehre Eier nur noch gelegentlich aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

Lotta:
Diese Gewöhnung an rohe Eier, die bei dir etliche Tage brauchte, geht vermutlich schneller als bei anderen tierischen Produkten, denn rohes Eigelb kennt man auch bei der üblichen gekochten Ernährungsform im Dotter der Spiegeleier. Um die Ernährungsintuition an rohen Fisch und Fleisch zu gewöhnen, braucht es vermutlich viel länger.

Arjuna:
Sicherlich. Ich glaube, dass die meisten Rohköstler ihre Ernährungsintuition niemals ganz mit tierischen Produkten vertraut machen. Über gelegentliche Ausnahmen mit verarbeiteten tierischen Produkten haben sie niemals wirklich Bedarf danach. Wenn sie dann einmal ein tierisches Nahrungsmittel probieren, dann stoppen sie meist weit vor der intuitiven Sperre. Ihr Intellekt verbietet ihnen, so viel davon zu essen, wie ihr Körper eigentlich bräuchte. Sie sagen sich: "Einmal im Monat ist tierisches o.k., doch auch dann nicht so viel!" Auf diese Weise können sie einen ausgeprägten Mangel umgehen. Doch wirklich den Bedarf decken kann man nur, wenn man ganz auf seine Ernährungsintuition vertraut und soviel davon isst, bis diese die Grenze zieht.

Lotta:
Das deckt sich auch mit meiner Erfahrung mit rohem Fisch. Der erste rohe Fisch roch und schmeckte abstoßend. Ich habe mich dann gezwungen, ein klitzekleines Stück zu essen, damit mein Körper es kennenlernen kann. Ein paar Wochen später war der Fisch plötzlich anziehend vom Geruch und Geschmack und ich habe 4-5 kleine Stücke gegessen, die sehr gut waren. Ganz plötzlich ist der Geschmack, der vorher eher wie Räucherfisch war, umgeschlagen in einen metallischen Geschmack. Das war die Sperre. Mittlerweile hat mein Körper den rohen Fisch noch besser kennengelernt und die Ernährungsintuition verlangt mehr davon. Nach wie vor zieht sie jedoch eine klare Line sobald es genug ist.

Arjuna:
Eine Sperre der Intuition, die niemals überschritten werden sollte.

Lotta:
Bei tierischen Produkten ist die Sperre viel deutlicher als bei allen pflanzlichen Nahrungsmitteln, die ich bisher gekostet habe. Sicherlich steckt dahinter ein sehr guter biologischer Grund.

Arjuna:
Um diese weise Grenze der Intuition wahrzunehmen, ist es gerade bei tierischen Lebensmitteln sehr wichtig, sie wirklich allein für sich zu essen, ohne irgendwelche Gewürze.

Lotta:
Damit einerseits die Intuition perfekt funktionieren und das optimale Maß finden kann, andererseits weil die Ernährungsintuition bei den tierischen Nahrungsmitteln (Gruppe 6) anfangs am stärksten entwicklungsbedürftig ist.

Arjuna:
Doch ist die Ernährungsintuition auch in anderen Bereichen entwicklungsbedürftig. Kaum ein Mensch kennt beispielsweise die vielen köstlichen Wildpflanzen, die hierzulande wachsen. Selbst bei Rohköstlern werden diese nur von den allerwenigsten regelmäßig in die Ernährung miteinbezogen. Hast du beispielsweise die herrlichen Samen- und Blütenstände vom Spitzwegerich probiert? Von den köstlichen und nebenbei äußerst Vitamin-C-reichen Felsenbirnen genascht?

Lotta:
Ich muss gestehen, nein. Ich esse meist nur Löwenzahn, Gänseblümchen, Sauerklee, Sauerampfer und ein paar andere sehr gängige Wildkräuter. Auf diesem Gebiet habe ich noch viel zu lernen.

Arjuna:
Beide, Spitzwegerich und Felsenbirne, wachsen fast überall in unseren Breiten. Versuch es mal! Es gibt überraschend leckere Wildkräuter.

Lotta:
Einfach mal vorsichtig und intuitiv unbekannte Kräuter probieren?

Arjuna:
Das wiederum würde ich nur einem Rohköstler raten, der über Jahrzehnte gelernt hat die Sprache seiner Ernährungsintuition zu verstehen. Ich selbst habe nämlich schon schmerzhafte Erfahrungen gemacht durch ein zu unvorsichtiges und brüskes Vorgehen beim Versuchen einer unbekannten Wildpflanze. Heute bin ich sehr viel vorsichtiger. Dem Rohkostneuling lege ich daher ein gutes Kräuter-Bestimmungsbuch wärmstens ans Herz. Generell empfehle ich diesem, seine Probierlust unter Dingen auszutoben, von denen bekannt ist, dass sie für gewöhnlich bedenkenlos verzehrt werden können. Davon gibt es ja mehr als genug.

Lotta:
Gerade bei Rohkost-Neulingen sieht die Nahrungspalette oft sehr einseitig aus: Apfel, Banane, Orange, Karotte, Tomate. Fertig.

Arjuna:
Es gibt Millionen von ursprünglichen Nahrungsmitteln. Jedes ist für sich einzigartig und ein wertvoller Bestandteil einer rohen Ernährung. Eine Rohkost, die nur auf 5 verschiedenen Nahrungsmitteln basiert, kann nicht ausgewogen sein. Sie wird früher oder später zu Problemen führen. Je weiter die Palette an ursprünglichen Produkten gefasst ist und je besser die Ernährungsintuition damit vertraut ist, desto ausgewogener ist die Rohkosternährung. Jede Erweiterung der Palette, sofern es sich um ein ursprüngliches Produkt handelt, ist daher wertvoll.

Lotta:
Insgesamt kann man folgendes zusammenfassen:

  1. Es ist enorm wichtig ein ursprüngliches Lebensmittel pur und unverarbeitet zu verzehren. Nur so kann der Organismus den Gehalt des Lebensmittels genau kennenlernen und die Ernährungsintuition bei Bedarf zielgerichtet das optimale Lebensmittel verlangen.
  2. Bis der Organismus eine hinreichend große Anzahl ursprünglicher Lebensmittel auf diese Weise kennengelernt hat, wird bei Bedarf die Ernährungsintuition immer zu den schon bekannten verarbeiteten Produkten führen. Diesem Verlangen muss man nicht nachgeben. Stattdessen sollte man sich auf die Suche nach einer ursprünglichen Quelle machen, die den Bedarf besser decken kann.
  3. Allmählich sollte man seine Ernährungsintuition mit immer neuen eventuell zunächst eklig und abstoßend erscheinenden Produkten vertraut machen. Dabei jedoch immer nur sehr kleine Portionen verzehren. Nur so viel, wie die Ernährungsintuition zulässt. Auch sollten diese noch unbekannten Nahrungsmittel, wie jedes ursprüngliche Nahrungsmittel, nicht vermischt, gewürzt oder verarbeitet werden. So kann allmählich die Intuition auch diese Produkte kennenlernen und bei Bedarf danach verlangen.

Arjuna:
Essentiell ist es, in Gelüsten eine wichtige Funktion zu erkennen: Ihre biologische Funktion besteht darin, eine zu eingeschränkte Nahrungspalette zu erweitern. Wenn man dies beachtet, muss man bei Gelüsten nicht mehr zu verarbeiteten Produkten greifen. Auch werden Gelüste um so seltener, je größer der Erfahrungsschatz der Ernährungsintuition mit ursprünglicher Nahrung ist.

Lotta:
Das ist meiner Meinung nach mit der wichtigste Schlüssel um die Sprache der Ernährungsintuition zu erlernen. Wenn man diese Sprache versteht, dann deckt man seinen Bedarf vollständig und verspürt keine Gelüste mehr. Ausnahmen braucht es dann nicht mehr zu geben. Der Körper nimmt nur die Stoffe in der optimalen Menge auf, die ihm gerade am zuträglichsten sind. Man vermeidet Mangelerscheinungen, überlastet sich aber auch nicht. Eigentlich der logische Weg um optimale Gesundheit und Zufriedenheit zu erreichen.

Erziehung und Gesellschaft

Durch Erziehung und Gesellschaft wird unsere Ernährungsweise geprägt.

Lotta:
Als ich dich fragte, was die Gründe für Ausnahmen und Gelüste seien, hast du folgende Gründe aufgezählt:

  1. Bedarf
  2. Sucht
  3. Relikt der Evolution
  4. Ungeübte Ernährungsintuition
  5. Erziehung und Gesellschaft
  6. Konditionierung

Über die ersten vier haben wir ja schon eingehend gesprochen. Sie sind sich untereinander insofern ähnlich, als dass sie die Wirkungen der Nahrung auf den menschlichen Körper betrachten. Für den fünften und sechsten Grund ist nun weniger die Biologie des Menschen entscheidend als vielmehr die Psyche. Bei gesellschaftlichen und sozialen Faktoren bist du der Meinung, dass diese an Wichtigkeit verlieren würden, wenn man wirklich weiß was man will.

Arjuna:
Viele Menschen legen sich selbst Zwänge auf. Denn die meisten Zwänge kommen nicht von außen, sondern von einem selbst. Hierzu fällt mir folgende kleine Geschichte ein. Bei meinen Eltern spielt sich fast jeden Morgen dasselbe Schauspiel ab:
Meine Mutter kocht für meinen Vater Kaffee, richtet Brötchen, Brotaufstrich und alles was zu einem "guten" Frühstück eben so gehört. Mein Vater setzt sich mit einem Seufzer an den Tisch und meint: "Ich würde mich gerne auch gesund ernähren. Warum gibt es zum Frühstück immer Kaffee und Brötchen, ich hätte lieber Obst und Früchte." Anschließend verzehrt er das Frühstück mit sichtlichem Genuss. Ich habe meine Mutter schon oft gefragt, warum sie denn kein Obst-Frühstück mache. Sie hat mir geantwortet, sie würde schon gerne ein gesundes Frühstück anbieten, Obst und Früchte servieren. Aber Vater möchte doch seinen Kaffee und die Brötchen. Auf eine verwunderte Frage, warum er dann jeden Morgen nach Obst verlangt, antwortet Mutter, dass er es nicht so meinen würde. Er hätte doch Kaffee und Brötchen so gerne. Ich fragte daraufhin meinen Vater, warum er denn jeden Morgen trotz seines Stöhnens das gewohnte Frühstück essen würde. Er erklärte mir: "Ich kann doch Mutter nicht vor den Kopf stoßen! Sie hat sich solche Mühe gegeben!" Und so wiederholt sich das Schauspiel jeden Morgen aufs Neue. Auch meine Mutter würde sich, so sagt sie, gerne gesünder ernähren. Aber auch sie muss Rücksicht auf meinen Vater nehmen, so sagt sie. Auf diese Weise werden meine Eltern wohl ewig aufeinander Rücksicht nehmen. Keiner wird jemals seine Ernährungs-Gewohnheiten ändern. Es würde beispielsweise schon reichen, wenn mein Vater ein einziges Mal seinen Kaffee nicht mehr trinken würde. Mutter würde ihm dann mit der selben Freude einen Obst-Teller zubereiten.

Lotta:
Glaubst du nicht, dass du hier etwas vereinfachst? Die Psyche des Menschen ist doch viel komplexer. Ohne deinen Eltern dies unterstellen zu wollen, könnte so eine Situation auch nur als willkommene Ausrede genutzt werden, die Ernährung nicht umstellen zu müssen, unter dem Deckmantel Rücksicht auf den Partner nehmen zu wollen.

Arjuna:
Sicher ist die Rücksicht nur eine Ausrede. Denn wäre einer von beiden wirklich sicher, dass er seine Ernährung ändern würde, dann gäbe es kein ernsthaftes Hindernis. Für mich war es zumindest sehr einfach.

Lotta:
Hattest du denn nie Probleme in deinem Freundes- und Bekanntenkreis wegen deiner neuen ungewöhnlichen Ernährung?

Arjuna:
Zugegeben musste ich ein paar Wochen lang Leute vor den Kopf stoßen. Meine Eltern, meine Freunde, meine Großeltern, ... Doch ich zweifelte keinen Augenblick an meinem Vorhaben, nun einen Versuch mit der Rohkost zu wagen.

Lotta:
Deine Mitmenschen stellten sich also schnell auf deine neue Ernährungsweise ein?

Arjuna:
Meine Großmutter brauchte am längsten. Sie brachte noch monatelang Schokolade mit. Jedesmal bedankte ich mich mit den Worten: "Oh, danke! Das ist wirklich lieb von dir. Aber ich esse doch keine Schokolade mehr. Bring mir doch nächstes Mal eine Feige mit und schenke die Schokolade jemanden anderes." Und ob man es glaubt oder nicht, selbst meine damals schon über 70-jährige Großmutter lernte dazu. Eines schönen Tages brachte sie mir leckere frische Feigen mit!

Lotta:
Das ist ja nett von ihr! Wichtig ist dabei auch, wie man es den Menschen sagt, denn deine Oma wollte dir ja mit der Schokolade eine Freude machen. Du hast richtig reagiert und ihr erst mal gesagt, dass du dich darüber freust, dass sie an dich gedacht hat. Viele Rohköstler reagieren da gerade in der Anfangsphase oft etwas dogmatisch und lehnen solche Geschenke u.U. rigoros ab, anstand den wahren Grund dahinter zu sehen. Deine Oma wollte dir ja nur eine Freude machen.

Arjuna:
Bei vielen ist es auch das Problem, dass sie sich nicht immer sicher sind, was sie wollen. Mal essen sie den Kuchen, mal stöhnen sie und freuen sich dann irgendwie doch, mal lehnen sie wieder ab... wie soll sich die Umwelt darauf einstellen? Keiner weiß, wie er dran ist. Ich habe hier nie Anlass für Diskussionen gegeben.

Lotta:
Das ist sicher das Beste. Damit ist das Thema in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis auch am schnellsten vom Tisch.

Arjuna:
Wenn wir es ganz realistisch betrachten - sind sie nicht lächerlich und für die Mitmenschen nervend, die "Möchtegern-Nichtraucher"? Die ewig die Zigarette ablehnenden, auf Überredungskünste hoffenden, gierig und wiederwillig zugleich die angebotene Zigarette annehmenden? Ein echter Nichtraucher raucht eben nicht. Fertig! Da gibt es keine Diskussion!

Lotta:
Doch gerade beim Essen gibt es dann immer wieder Diskussionen. Die anderen wollen einfach nicht verstehen, wenn man plötzlich anders isst. Das kratzt meiner Meinung nach an ureigenen Ängsten der Menschen. Sie haben Angst, ihren Genuss zu verlieren und das bedeutet in der Natur Lebensgefahr! Denn bei intuitiver/instinktiver Ernährung führt der Genuss zur optimalen Nährstoffversorgung. Das steckt uns einfach in den Genen und deswegen wehren sich die meisten Leute so extrem dagegen.

Arjuna:
Vor zehntausend Jahren hat der Mensch sich mit seinem Verstand selbst eine Fallgrube gegraben. Nun steckt er fest darin. Seine Intuition ist gefesselt und gefangen von den Fallstricken, die der Verstand erzeugt hat. Heute haben wir die einmalige Gelegenheit uns mit unserem Verstand aus der Falle des Verstandes zu befreien. Für diese Befreiungsaktion sind ein paar Vorraussetzungen nötig:

  1. Wir haben verstanden, dass wir in einer Falle stecken, die uns der Verstand gestellt hat
  2. Wir kennen einen Weg nach außen
  3. Wir haben die Möglichkeit diesen Weg zu gehen
  4. Wir sind bereit diesen Weg ins Unbekannte zu gehen

Lotta:
Auf die Ernährung bezogen bedeutet dies:

  1. Wir haben erkannt, dass gekochte und verarbeitete Nahrung möglicherweise unserer genetischen Struktur nicht entspricht.
  2. Wir kennen die Theorie der Rohkost, bzw. Menschennahrung.
  3. Doch kann gerade in Europa diese Theorie nur umgesetzt werden, wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören sicherlich die heutigen Verkehrsmittel. Nur durch diese ist es uns möglich selbst im Winter frisches Obst und Gemüse aus der ursprünglichen Heimat unserer Vorfahren zu beziehen.
  4. An der Frage, ob man nun bereit ist die Theorie in die Praxis umzusetzen scheitert es jedoch für viele.

Arjuna:
Ich denke, es ist ein großer Irrglaube, zu erwarten, alle anderen Menschen müssten von heute auf morgen ihre Ernährungs- und Lebensweise ändern, nur weil sie von der der menschlichen Genetik angemessenen Ernährungsweise gehört haben.

Lotta:
Nicht einmal ein rein intellektuelles Verständnis ist zu erwarten.

Arjuna:
Der eine raucht, der andere raucht nicht. Freunde können beide trotzdem sein. Der eine isst gekocht, der andere roh. Beide können zusammenleben, ohne Konsens in diesem Punkt. Wichtig ist die Toleranz dem anderen gegenüber!

Lotta:
Toleranz ist ganz wichtig! Aber das betrifft beide Seiten, Rohe sind oft genauso intolerant in der Anfangsphase wie gekocht Essende.

Arjuna:
Gerade in der Anfangszeit oft sogar um vieles intoleranter und sehr missionarisch. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich mit einem Freund, der gerade seit zwei Wochen Rohköstler war, auf eine Party ging. Ich betrat den Raum etwa 10 Minuten nach meinem Freund und wurde mit folgenden Worten begrüßt: "Ah, du musst der andere Halbaffe sein!" Mein Freund hat es offensichtlich geschafft, innerhalb von 10 Minuten allen Anwesenden von seiner neuen Ernährungsweise zu erzählen.

Lotta:
Trotzdem findet man sich oft in Situationen, in denen man seine Ernährung vor anderen rechtfertigen muss, was man eigentlich nicht tun sollte.

Arjuna:
Die ewigen Diskussionen beim Essen: "Warum darfst du denn kein Brot mehr essen?" Welcher Rohköstler kennt sie nicht? Doch die wenigsten dieser Fragen sind echtes Interesse, die meisten sind nur ein Aufhänger um etwas sagen zu können.

Lotta:
Manche sind aber echt interessiert. Diesen gebe ich dann meistens ein bis zwei Buchtipps oder Links.

Arjuna:
Auf einer Internetseite oder mit einem Buch bekommen sie wirklich gute und umfassende Information. Alles was du in 5 Minuten zwischen zwei Bananen erklären kannst, ist lückenhaft. Du kannst einen echt Interessierten auch mal getrennt zu einem Rohkost-Buffet einladen und ihm dabei in aller Ruhe die Theorie dahinter erklären. Das hat den Vorteil, dass andere Anwesende, die vielleicht gar nicht interessiert sind, durch das Gespräch nicht gelangweilt werden. Der echt Interessierte hingegen hat die Gelegenheit, Praxis und Theorie gleichzeitig zu erleben.

Lotta:
Ich wollte anfangs auch sehr oft andere missionieren und bin dabei ziemlich aufgelaufen. Nur wer schon auf der Suche ist und bereit ist für etwas Neues, wird für Argumente offen sein. Und diese Leute gucken sich dann die genannten Links auch wirklich an. Bei den anderen verschwendet man nur seine Energie. Wie verhältst du dich persönlich bei nicht wirklich interessierten Menschen?

Arjuna:
Ich habe mir eine Weise überlegt, bei solchen Fragen das Thema elegant zu wechseln...

Lotta:
Und die wäre?

Arjuna: Oft entwickelt sich ein Gespräch wie folgt:
F: "Warum darfst du denn kein Brot mehr essen?"
A: "Wieso? Was darf ich nicht essen?"
F: "Na Brot und gekochte Nahrung!"
A: "Nein, das ist nicht richtig!"
F: "Aber du isst doch nur noch roh?!"
A: "Ja, aber nicht weil ich muss, sondern weil ich will... "
F: "... und warum willst du?"
A: "Nun, du weißt doch, jeder Mensch hat so seinen Spleen. Bei mir ist es die Ernährung, bei dir die klassische Musik. Erzähl mal, du warst doch neulich auf einem Konzert, von - wie hieß der noch mal?"
... und schon haben wir elegant das Thema gewechselt. Du hast niemanden, der es nicht hören will, mit irgendwelchen Rohkost-Theorien gelangweilt.

Lotta:
Ja, ich mache auch eher Späßchen darüber und frage die Leute oft, ob sie etwa bei meinen roten Haaren noch nicht gemerkt haben, dass ich eine Kräuterhexe bin. Man darf sich selbst nicht immer so bierernst nehmen. Wenn das Eis erst einmal gebrochen ist, geben viele auch ihre anfängliche Abwehrhaltung auf und zeigen wirkliches Interesse.

Arjuna:
Ich unterscheide vier Situationen, auf die ich unterschiedlich reagiere:

  1. Jemand ist ernsthaft an gesunder Ernährung interessiert.
  2. Jemand interessiert sich für Ernährung nicht und sucht nur einen geeigneten Gesprächseinstieg.
  3. Jemand hat das Gefühl, sich für seine Ernährung vor mir rechtfertigen zu müssen.
  4. Jemand möchte mit mir eine intellektuelle Diskussion über die Theorien der Menschennahrung starten.

Lotta:
Bei Situation Nr. 1 Schickst du ihn auf eine Internetseite oder lädst ihn zum Essen ein.

Arjuna:
Die Einladung ist eigentlich die nettere und schönere Möglichkeit!

Lotta:
Bei Situation Nr. 2 wechselst du das Thema. Doch in den anderen Situationen?

Arjuna:
Wenn jemand meint, seine Ernährungsweise rechtfertigen zu müssen, wechsele ich auch das Thema. Denn niemand muss sich vor mir rechtfertigen. Für mich ist es o.k., wenn jemand raucht, Alkohol trinkt oder verarbeitete Nahrung isst. Unabhängig davon ist er für mich ein interessanter und wertvoller Mensch!

Lotta:
Und bei Situation Nr. 4? Dem, der einfach nur über Ernährung sprechen will?

Arjuna:
Mit dem spreche ich über die Theorie der Menschennahrung. Das ist für mich ziemlich leicht, da es mein Lieblings-Thema ist. Doch eine Grundregel habe ich aus eigener Erfahrung aufgestellt...

Lotta:
Und die wäre?

Arjuna:
Sobald du Dinge äußerst wie: "gekochte Nahrung ist ungesund!", "Rohkost ist die optimale Ernährung!"..., fühlt sich dein Gegenüber unbewusst angegriffen und sucht sein Verhalten zu verteidigen, ja zu rechtfertigen. Es sucht dann 1000 Gründe, warum du dich irrst und gekochte Nahrung doch die gesündere Ernährung ist.

Lotta:
In die Falle sollte man nicht tappen. Angriff erzeugt Gegenangriff.

Arjuna:
Ich spreche immer von einer "Theorie", einem "Experiment", einer "Vorstellung", einer "Überlegung" oder einer "These". Letztlich ist die Menschennahrung nichts anderes! Es gibt bestimmte Argumente und Erfahrungen für deren Richtigkeit, sonst nichts! Die "absolute Wahrheit" kann ein Mensch niemals kennen! Ich versuche also Formulierungen wie "Menschennahrung ist eine gesunde Ernährung, weil ..." zu vermeiden. Statt dessen sage ich besser: "Es gibt einige Hinweise, die für die These der Menschennahrung sprechen könnten: Dies sind die folgenden: ...." Oder äußere statt: "Herzinfarkt kommt von falscher bzw. gekochter Ernährung, weil: ..." lieber etwas korrekter: "Möglicherweise spielt die Ernährung neben vielen anderen Risikofaktoren eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei der Entstehung des Herzinfarkts. Für diese These gibt es folgende Hinweise: ..."

Lotta:
Das klingt gleich viel weniger offensiv! Jede andere Vorgehensweise halte ich für ignorant, niemand kennt letztlich die Wahrheit, wenn es denn überhaupt eine für die Allgemeinheit gültige Wahrheit gibt.

Arjuna:
Weniger offensiv heißt für mich einfach besser! Mein Interesse ist es nicht, andere Menschen zur Menschennahrung zu missionieren. Doch stelle ich natürlich gerne meine Thesen vor. Ganz ohne Wertung. Oft bringt dann auch jemand gute Gegenargumente. Ich bin immer dankbar für jedes Gegenargument, auf das ich keine Antwort weiß. Denn das bringt die Theorie der Menschennahrung voran!

Lotta:
Wo wir gerade bei den sozialen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten der Menschennahrung sind... Wie verhältst du dich bei Einladungen?

Arjuna:
Ich bringe mir mein Essen selbst mit! Das macht mich zu einem sehr unkomplizierten Besucher. Keiner muss sich nach meinen Ernährungsgewohnheiten richten. Durch mich entsteht für den Gastgeber keinerlei zusätzlicher Aufwand oder Kosten. Ein gutes Gefühl für mich und eine Erleichterung für den Gastgeber. Natürlich sage ich schon bei der Einladung, dass man sich über mein Essen keine Gedanken zu machen braucht, da ich mir ohnehin selbst etwas mitbringen werde. Das ist sehr wichtig! Sonst kommt es zu der unangenehmen Situation, dass der Gastgeber eigens für mich in Unkenntnis meiner genauen Ernährungsgewohnheiten z.B. ein gekocht veganes Gericht vorbereitet hat. In solch einer Situation ist es dann natürlich schmerzhaft und kränkend für den Gastgeber, wenn ich ablehne. Um dies zu vermeiden habe ich heute gelernt, immer vorher die Sachlage zu klären.

Lotta:
Das habe ich auch schon erlebt. Freunde haben für mich liebevoll einen Salat gemacht mit Sahnedressing (das bereits untergerührt war). Ich habe es dann trotzdem gegessen, einfach weil ich mich dankbar für ihre Mühe zeigen wollte. Soviel zu den gesellschaftlichen Zwängen. Was machst du im Restaurant? Das sind oft schwierige Situationen, wenn ich mit wichtigen Kunden essen gehen muss und mich nicht jedes Mal outen will. Ich nehme dann meistens einen Salat mit separatem Dressing und picke mir dann heraus, was wirklich genießbar ist.

Arjuna:
Das ist eine sehr gute Möglichkeit. Ich nehme mir meist einen netten Korb mit köstlichem Essen mit. In Lokalen gehobener Klasse gehe ich mit diesem zum Ober und bitte ihn, mir dieses Gemüse aufzuschneiden und auf einem Teller angerichtet zu servieren. Dazu hätte ich gerne ein Glas Wasser ohne Kohlensäure. Das bereitet so gut wie nie Probleme. Der Ober sagt "selbstverständlich", und wenn die anderen ihr Essen bekommen, dann wird auch mir mein Teller serviert. Man kann diese Vorbereitung auch schon am Tag vor dem Essen treffen. In nicht so noblen Lokalen gehe ich zum Kellner, zeige ihm mein Gemüse, labere was von einer Lebensmittelallergie und bitte ihn, diese Gemüse hier verzehren zu dürfen. Ich würde gerne für Tisch und Teller bezahlen. Dazu hätte ich gerne ein Glas Leitungswasser. Hier verlange ich Leitungswasser, denn Lokale mittlerer Kategorie haben meist kein Wasser ohne Kohlensäure. Auch das hat bisher schon immer gut funktioniert.

Lotta:
Eine spezielle Situation fällt mir noch ein: der Sekt-Empfang.

Arjuna:
Zugegeben, das ist schon eine besonders heikle Situation. Ich denke mir jedoch, es gibt genügend Menschen, die als ehemalige Süchtige keinen Alkohol trinken dürfen. Diese meistern solch eine Situation auch irgendwie. Also wird es für mich eine Kleinigkeit sein. Ich versuche, im Vorfeld mit dem Verantwortlichen zu reden und diesen zu bitten, dass er auch für alkoholfreie Getränke sorgt. Insbesondere Wasser ohne Kohlensäure. Auch das klappt eigentlich immer. Ich bin selbst jedesmal von neuem erstaunt, wieviel eigentlich möglich ist, wenn man es nur wirklich will.

Lotta:
Alkohol finde ich auch weniger schwierig in der Öffentlichkeit. In meinem Freundeskreis trinken viele keinen Alkohol, das ist schon nichts Ungewohntes mehr. Wie sieht es aus, wenn du Freunde einlädst, ich meine normal essende Freunde?

Arjuna:
Ich mache ein "Exoten-Buffet" Durian aus Thailand, Jackfruit aus Indien, Affenbrotfrucht aus Afrika, Kokosnuß aus Bali, ...

Lotta:
Viele wissen das vermutlich gar nicht zu schätzen.

Arjuna:
Das ist wohl wahr. Sie genießen es aber trotzdem!

Lotta:
Die Ernährungsintuition weiß halt einfach, was gesund ist!

Konditionierung

Durch Erlebnisse in unserer Vergangenheit werden unsere Handlungen bestimmt.

Lotta:
Wir haben schon viel darüber gesprochen, warum die Rohkost manchen Menschen schwer erscheint. Dabei wurde klar, dass die Rohkost, sofern man richtig an die Sache herangeht, nicht schwer fällt, sondern kinderleicht ist. Wir sind im einzelnen auf sechs Gründe für Ausnahmen und Gelüste zu sprechen gekommen:

  1. Bedarf
  2. Sucht
  3. Relikt der Evolution
  4. Ungeübte Ernährungsintuition
  5. Erziehung und Gesellschaft
  6. Konditionierung

Die ersten fünf haben wir schon ausführlich betrachtet. Jeder für sich brachte mir viele neue Denkanstöße. Lass uns nun über den sechsten Punkt sprechen: "Konditionierung". Diesen Begriff kenne ich aus der Biologie.

Arjuna:
Der Begriff "Konditionierung" kommt aus der biologischen Verhaltensforschung. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist der Pawlow`sche Hund. Hierbei wurde bei einem Hund vor dem Füttern immer mit einer Glocke geläutet. Nach einer Weile konnte dann beim Hund alleine durch den Ton der Glocke, ohne Essen, Speichelfluss ausgelöst werden.

Lotta:
Dieses Experiment ist mir bekannt, doch inwiefern kann man es auf unsere Rückfälle und Ausnahmen übertragen?

Arjuna:
Wir Menschen wurden in unserer Kindheit alle konditioniert auf gekochtes Essen. Ich nenne dir ein anschauliches Beispiel:
Wenn wir als Kinder weinten, dann tröstete uns unsere Mutter mit Schokolade, der Nuckelflasche oder anderen unnatürlichen Nahrungsmitteln. Dadurch wurden die Schokolade und die Hilfe bei Traurigkeit miteinander verknüpft. Im späteren Leben greifen wir daher immer wenn wir traurig sind gerne zur Schokolade, sozusagen um uns selbst zu trösten. Ganz allgemein werden Situationen und dabei verzehrte Speisen miteinander verbunden. Beispiele hierfür können sein:

  • die Schokolade verbunden mit dem Trost der Mutter
  • die warme Suppe mit dem gemütlichen Familientisch
  • die Torte mit Geburtstag
  • Bratwürste mit dem Familien-Ausflug auf die Kirchweih
  • das Käsebrot mit der Schulhof-Pause
  • Alkohol und Erwachsen sein
  • Zigarette und Pause

Lotta:
Eigentlich wird nicht so sehr die Situation mit der Nahrung verknüpft als vielmehr das Gefühl in der Situation. So wird Schokolade oft als tröstend empfunden, Alkohol lässt uns uns erwachsen fühlen, ...

Arjuna:
Gerade die Werbung arbeitet mit diesen Assoziationen sehr stark. Werbe-Spezialisten sagen: "Man verkauft kein Produkt, sondern ein Gefühl!"

  • das Gefühl der Freiheit wird mit der Zigarette verkauft
  • Liebe und Zuwendung mit Fertig-Gerichten
  • "Spiel, Spaß, Spannung" mit Süßigkeiten

Lotta:
Erschreckend aber wahr. An unendlich vielen Punkten sind wir auf gekochtes Essen konditioniert. Hier kommt auch noch eine andere starke psychische Komponente mit hinein. Nämlich, dass wir emotionale Lücken, die z.B. durch zu wenig Zuwendung und Körperkontakt in der frühen Kindheit entstanden sind, ständig durch Ersatzbefriedigungen wie materielle Güter oder, wie in diesem Falle, zweifelhafte kulinarische Genüsse, nachträglich unbewusst stillen wollen. Der Drang danach ist so stark, dass wir sogar gesundheitliche Störungen dafür in Kauf nehmen. Ich denke es wäre viel einfacher, von solchen Konditionierungen weg zu kommen, wenn man sich dessen bewusst würde und versuchte, solche seelischen Mängel aufzuarbeiten, soweit dies im Nachhinein noch möglich ist.

Arjuna: Geschickt wäre es, beides zu beachten:

  • Diese seelische Lücke - also die eigentliche Ursache - aufzuarbeiten. Wenn man seelisch ausgeglichen ist, muss man nichts mit unnatürlicher Ernährung kompensieren und man kommt viel seltener in die Situation, Gelüste zu verspüren.
  • Sich neu auf gesunde Nahrung zu konditionieren. Damit auch in schwierigen Lebenssituationen der Seelentröster in der Mohrrübe statt in der Zigarette gefunden wird.

Lotta:
Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr fällt einem auf, dass Konditionierungen sehr viel des menschlichen Handelns bestimmen. Vor allem das, was wir essen und trinken. Nur, wie lösen wir diese alten Konditionierungen am einfachsten?

Arjuna:
Wenn man sie erst mal erkannt hat, ist das kein Problem. Ich erzähle dir die Geschichte einer Freundin, nennen wir sie Monika, die sich erfolgreich das Rauchen abgewöhnt hat:
„Monika hatte nun ein für allemal genug vom Rauchen. Sie wollte nicht länger in dem Bewusstsein leben, sich durch ihr Verhalten gesundheitlich zu schädigen und dafür auch noch so viel Geld auszugeben. Also schmiss sie voller Leidenschaft alle ihre Zigaretten, Feuerzeuge und Aschenbecher in den Müll. Nun wollte sie Nichtraucherin sein. Immer wenn ihre Kollegen eine Rauch-Pause machten, blieb sie am Schreibtisch sitzen und schaute mit traurigen fast neidvollen Augen hinaus zu den rauchenden Kollegen. Sie versuchte, sich mit Arbeit abzulenken, doch konnte sie sich von Tag zu Tag schlechter konzentrieren. Nach ein paar Wochen des inneren Kampfes fiel ihr auf, dass sie nun als "Nichtraucherin" keinerlei Pausen mehr machte. Für sie war eine Pause immer eine Rauch-Pause. An dem Tag erfand sie die Apfel-Pause – und diese nahm sie nun reichlich. Immer wenn ihre Kollegen Raucher-Pause machten, machte sie Apfel-Pause. Die Zigaretten reizten sie nun nicht mehr. Sie stand außen und aß ihren Apfel während die anderen rauchten. Sie hatte nun wieder das, was sie die Wochen vorher vermisst hatte: Gespräche mit Kollegen, und Pausen.“
Für Monika war also die Situation der Pause untrennbar mit dem Rauchen verbunden. Doch nun konditionierte sie sich um. Sie verband die Situation der Pause mit dem Apfel-Essen.

Lotta:
Das ist eine sehr gute Idee, die ich gleich weitergeben werde. Ich kenne jemanden, der sich gerne das Rauchen abgewöhnen würde, es aber vor allem wegen den Kollegen im Büro nicht schafft.

Arjuna:
Wie mit den Zigaretten funktioniert es auch mit der verarbeiteten Nahrung. Viele Rohkost-Aspiranten wollen sich für die gelungene Rohkost-Woche mit etwas belohnen. Belohnung wird aber mit Kochkost-Essen gleichgesetzt. Also gehen sie nach ihrer ersten erfolgreichen Rohkost-Woche zum Feiern in ein gutes Lokal. Durch dieses Verhalten bleibt die alte Konditionierung erhalten. Kochkost-Essen wird weiter mit Belohnung gleichgesetzt.

Lotta:
Statt dessen also lieber Durian - oder eine andere besonders exquisite Rohkost-Spezialität - um Belohnungen mit roher Ernährung zu verknüpfen.

Arjuna:
Ich habe bei mir auf diese Weise eine systematische "Umkonditionierung" vorgenommen, die ich jedem nur wärmstens empfehlen kann. Wir konditionieren uns täglich unbewusst oder werden konditioniert. Die Frage ist nur, ob wir uns damit in der Weise konditionieren, wie wir es uns wünschen oder in der gegensätzlichen Weise. Wenn wir selbst nicht aktiv eingreifen, konditioniert uns die Umwelt so wie sie uns haben will. Wir werden zu Marionetten der Werbung und der Gesellschaft.

Lotta:
Das sehe ich genauso. Wie hast du dich genau "umprogrammiert"?

Arjuna:
Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, positive Erlebnisse mit roher Nahrung zu verbinden. Wenn ich eingeladen werde, nehme ich mir besonders leckere rohe Nahrung mit, die ich dann beim Zusammensein mit meinen Freunden verzehre. Das Zusammensein mit Freunden ist die angenehme Situation, die ich mit roher Nahrung verknüpfe. Wenn ich etwas zu feiern habe, organisiere ich eine "Party" mit roher Menschennahrung. => Konditionierung auf rohe Nahrung. Besonders liebe ich anscheinend schwierige Situationen. Wenn ein Sekt-Empfang ist, setze ich mein Bestreben darauf, dass ich mit Wasser in meinem Sekt-Glas dabei bin. Weißt du, warum man bei Feiern immer mit Sekt anstößt?

Lotta:
Hihi, vielleicht weil wir die Wirklichkeit nicht mehr ertragen und uns berauschen wollen?

Arjuna:
Vielleicht auch das, aber vielleicht noch mehr, weil wir alle darauf konditioniert worden sind. Alle? Fast alle! Ich bin nun auf Wasser konditioniert. Für mich schmeckt Wasser nach Feier, Empfang, Erfolg, Eröffnung, ... Doch nicht nur das. Für mich schmeckt

  • Durian nach Weihnachten
  • Kokosnuss nach einem romantischen Abend zu zweit
  • Sprossen im Glas nach Schlosspark-Picknick
  • Bananen nach langen Rad-Touren in der Sonne – oh, wie ich Bananen liebe! ... wie eine herrlich lange Rad-Tour!

Diese mit gesunder Menschennahrung verbundenen positiven Situationen nenne ich "Anker". Jedesmal, wenn du rohe Nahrung in einer angenehmen Situation verzehrst, setzt du einen "Anker". Je mehr du davon hast, desto leichter fällt dir die rohe Ernährungsweise. Denn diese "Anker" ziehen uns in Zeiten von Stress und Frust nicht zur Kochkost, sondern zur Menschennahrung.

Lotta:
Du sorgst dafür, dass du die Rohkost nicht nur daheim im tristen Kämmerlein isst, sondern überall in schönen Situationen. Als gesunde Variante des Essens bei allen angenehmen Gegebenheiten, um in Zukunft das Gefühl dieser Augenblicke mit rohem Essen zu verknüpfen.

Arjuna:
Wer nur daheim roh isst und in allen schönen Situationen Kochkost verdrückt, der konditioniert sich unaufhörlich weiter auf Kochkost. Wer dauerhaft und mit Genuss die rohe Lebensweise praktizieren will, der muss für sich einen Weg finden, Rohkost gerade bei geselligen Anlässen zu verzehren. Anfangs ist das vielleicht mit ein wenig Aufwand und Problemen verbunden, doch es wird mit der Zeit immer leichter. Irgendwann ist es für dich ganz normal eine Kokosnuß Kopyor auf einer Party zu knacken.

Lotta:
Gesundheit und Genuss Hand in Hand! Na dann werde ich mir in Zukunft bewusst besonders leckere Sachen auf Parties mitnehmen und mir ein paar "Anker" setzen.

Zusammenfassung

Lotta:
In den vorangegangenen sechs Gesprächen haben wir die Gründe für Rückfälle und Ausnahmen ausgiebig beleuchtet. Die sechs Hauptursachen waren:

  1. Bedarf
  2. Sucht
  3. Relikt der Evolution
  4. Ungeübte Ernährungsintuition
  5. Erziehung und Gesellschaft
  6. Konditionierung

Vielleicht können wir nun eine Vorgehensweise erarbeiten, wie wir mit diesem Wissen in der Praxis umgehen können.

Arjuna:
Wahrscheinlich ist eine Mischung aus allem am sinnvollsten. Der Bedarf und die ungeübte Ernährungsintuition gehen Hand in Hand. Wenn du also ein Gelüst verspürst, dann erinnere dich daran, dass es dir einen Bedarf anzeigen kann. Versuche nun, diesen Bedarf zu decken, indem du in einer möglichst ausgewogenen und vollständigen ursprünglichen Nahrungspalette suchst. Dabei auch immer wieder eklige und abstoßende Produkte probierst, um deine Ernährungsintuition damit vertraut zu machen.

Lotta:
Dem Relikt der Evolution begegnet man am besten, wenn man den Kombinations-Regeln beachtet. So kann man eine ursprüngliche Verfügbarkeit von ehemals knappen Nahrungsmitteln simulieren und verhindert einen übermäßigen Verzehr dieser für uns evolutionär attraktivsten Nahrungsmittel. Bleibt noch die Sucht. Wie begegnet man am besten einer Sucht?

Arjuna:
Der Sucht begegnet man am besten mit Abstinenz. Bereits nach sehr kurzer Zeit wird die Rolle der Sucht verschwinden. Ab einer Rohkost-Zeit von sagen wir mal drei Monaten spielt Sucht für Gelüste praktisch keine Rolle mehr.

Lotta:
Gelüste, die nach dieser Zeit auftauchen, kann man demnach also meist als wirklichen Bedarf deuten. Und man sollte diesem begegnen, indem man ein ursprüngliches Nahrungsmittel sucht, das diesen Bedarf decken kann.

Arjuna:
Auch gesellschaftliche Faktoren machen einem mit Sicherheit das Leben als Rohköstler nicht immer ganz leicht. Doch gibt es ein paar Tricks, um damit umzugehen. Diese entwickelt man mit der Zeit selbst. Man kann sie sich jedoch auch von langjährigen Rohköstlern abschauen.

Lotta:
Über ein paar dieser Tricks haben wir schon gesprochen, als wir uns das Thema gesellschaftliche Faktoren vorgenommen haben. Ich persönlich finde, dass man aus diesen gesellschaftlichen Faktoren und Fehlern, die man besonders am Anfang in diesem Bereich macht, eine Menge über sich selbst, Toleranz, Akzeptanz und Verständnis lernen kann – was einen auch auf anderen Ebenen weiterbringen kann.

Arjuna:
Die Konditionierung auf verarbeitete Nahrungsmittel spielt auch eine Rolle. Indem man jedoch gezielt Anker setzt und so positive Erlebnisse mit roher Ernährung verbindet, kann man sich Stück für Stück umkonditionieren.

Lotta:
Eigentlich ist alles viel leichter, wenn man richtig an die Sache herangeht und wenn man von den Erfahrungen anderer profitieren kann. Ich habe eine Menge neuer Denkanstöße durch unsere Gespräche gewonnen und ich glaube, dass ich nun mit Gelüsten besser umgehen kann. Vielen Dank dafür.