Verfügbarkeit, Beschaffung und Zubereitung von Lebensmitteln

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Dieser Artikel vergleicht die Verfügbarkeit sowie den Aufwand zur Beschaffung und Zubereitung natürlicher Lebensmittel in der Urzeit mit den heutigen Verhältnissen und zieht daraus Schlüsse für die Praxis der Rohkost.

Definitionen

Man kann die Faktoren, die bei der Beschaffung eines Lebensmittels eine Rolle spielen, in drei Kategorien einteilen:

  • Verfügbarkeit
  • Beschaffung
  • Zubereitung

Unter "Verfügbarkeit" soll die örtliche und zeitliche Begrenzung des Vorhandenseins eines Lebensmittels verstanden werden. "Beschaffung" soll den Aufwand kennzeichnen, ein Lebensmittel, an dessen Standort man sich bereits befindet, zu ernten. "Zubereitung" bedeutet den Aufwand, ein geerntetes Lebensmittel eßfertig zu machen. Alle drei Faktoren beeinflussen die Menge und Häufigkeit, mit der Lebensmittel bei einem Leben in freier Natur verzehrt werden. Sie werden im Folgenden einzeln erörtert.

Unter "Urzeit" wird in diesem Artikel die Zeit verstanden, in der der Mensch noch nicht seßhaft war und seine Nahrung in ihrem natürlichen Zustand, also roh, zu sich nahm. "Neuzeit" ist eine Bezeichnung für die heutige Zeit.

Die drei Faktoren

Verfügbarkeit

In freier Natur sind reife und daher eßbare Lebensmittel zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten auffindbar. Dabei unterliegt die Verfügbarkeit gewissen Schwankungen, die den Wachstumsperioden der Pflanzen- und Tierwelt geschuldet sind und außerhalb des Tropengürtels der Erde von den Jahreszeiten bestimmt werden. In der Urzeit konnte der Mensch diese Schwankungen ausgleichen, indem er seinen Aufenthaltsort weiträumig änderte. Infolge der Seßhaftigkeit und der hohen Bevölkerungsdichte, die ein nomadisches Leben kaum noch zuläßt, ist dies heutzutage nicht mehr möglich. Dafür können Lebensmittel aus aller Welt herantransportiert werden: nicht mehr der Mensch geht zur Nahrung sondern die Nahrung kommt zum Menschen.

Das Ergebnis ist nicht ganz das selbe: während der Mensch früher seine Nahrung dort verzehrte, wo er sie fand, also in der entsprechenden Klimazone, kann er heute Nahrung einer Klimazone verzehren, in der er sich nicht aufhält. Er kann sich sogar Nahrung verschiedener Klimazonen gleichzeitig beschaffen und bei einer Mahlzeit kombinieren. Dies führt auf die Frage, ob der Mensch genetisch an den Verzehr von Lebensmitteln angepaßt ist, die aus einer anderen Klimazone als der jenigen kommen, in der er lebt und ob Lebensmittel verschiedener Klimazonen miteinander kombinierbar sind.

Speziell für Europa stellt sich die Frage, ob der Mensch genetisch daran angepaßt ist, im europäischen Winter tropische Früchte und andere Lebensmittel aus den warmen Gebieten der Erde zu verzehren. Diese Frage konnte bisher nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Klar ist nur, daß es diese Möglichkeit in der Evolution der Menschheit nicht gab und der Ernährungsinstinkt deswegen keine Gelegenheit hatte, sich daran anzupassen.

Beschaffung

Kirschbaum

Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Aufwand, der zur Beschaffung eines bereits lokalisierten Lebensmittels erforderlich war bzw. ist. In der Urzeit war die Beschaffung einiger Lebensmittel sehr aufwendig, beispielsweise deswegen, weil erst ein 30m hoher Baum bestiegen werden mußte. In der heutigen Zeit ist der Aufwand zur Beschaffung von Lebensmitteln in den meisten Fällen nur noch eine Frage des Preises und damit der finanziellen Lage des jenigen, der sie sich beschaffen möchte.

Zubereitung

Sehr viele Lebensmittel können so wie sie sind gegessen werden. Einige Früchte oder Nüsse müssen vor dem Verzehr geöffnet werden und einige Ölsaaten müssen geschält werden. Die Zubereitung kann den Verzehr einiger Lebensmittel zeitlich sehr in die Länge ziehen. Durch Benutzung von Maschinen ist es in der Neuzeit möglich geworden, diese Zeit für sehr viele Lebensmittel fast auf Null zu drücken, beispielsweise weil es geschälte Nüsse oder fertig portionierte Früchte zu kaufen gibt.

Vergleich von Urzeit und Neuzeit

Die folgende Tabelle gibt für verschiedene Lebensmittel bzw. Gruppen von Lebensmitteln eine Übersicht über die beiden Faktoren Verfügbarkeit und Beschaffung in der Urzeit und in der heutigen Zeit. Die Tabelle bezieht sich bei der Urzeit auf den ganzen Planeten und bei der Neuzeit auf Europa. Die Angaben für die Urzeit sind eine Schätzung, weil es aus dieser keine Aufzeichnungen gibt.

in der Urzeit (weltweit) in der Neuzeit (Europa)
Lebensmittel Verfügbarkeit Beschaffung Verfügbarkeit Beschaffung
Cashewkern, frisch saisonal kurz sehr schwierig saisonal kurz schwierig
Cashewkern, getrocknet sehr gering normal immer sehr leicht
Eier saisonal kurz schwierig saisonal kurz sehr leicht
Erdnuss, frisch saisonal lang leicht saisonal kurz sehr leicht
Erdnuss, getrocknet gering leicht immer sehr leicht
Europäische Früchte saisonal lang leicht saisonal lang sehr leicht
Fisch und Meerestiere immer leicht bis schwierig immer sehr leicht
Fleisch immer leicht bis schwierig immer sehr leicht
Gemüse - - immer sehr leicht
Getreide - - immer sehr leicht
Honig und Bienenprodukte saisonal kurz leicht immer sehr leicht
Hülsenfrüchte ohne Erdnuss, frisch saisonal kurz leicht gering sehr leicht
Hülsenfrüchte ohne Erdnuss, getrocknet gering leicht immer sehr leicht
Keimlinge gering sehr leicht immer sehr leicht
Kokossaft immer schwierig immer sehr leicht
Küchenkräuter saisonal lang sehr leicht immer sehr leicht
Meerwasser immer sehr leicht bis schwierig immer sehr leicht bis schwierig
Nüsse, frisch saisonal kurz normal saisonal kurz sehr leicht
Nüsse, getrocknet saisonal kurz normal bis schwierig immer sehr leicht
Ölsaaten saisonal kurz normal bis schwierig immer sehr leicht
Palmennektar immer sehr schwierig saisonal lang schwierig
Salz immer schwierig immer sehr leicht
Süßwasser ohne Kohlensäure immer leicht immer normal
Süßwasser mit Kohlensäure sehr gering schwierig immer sehr leicht
Trockenfrüchte sehr gering leicht immer sehr leicht
Tropische Früchte immer leicht bis schwierig immer sehr leicht
Wildfrüchte saisonal kurz sehr leicht saisonal kurz leicht bis schwierig
Wildkräuter saisonal lang sehr leicht saisonal lang leicht bis schwierig

Begriffserklärung:

  • Die Verfügbarkeit eines Lebensmittels ist in 5 Stufen von "immer", "saisonal lang", "saisonal kurz", "gering" bis "sehr gering" angegeben.
  • Die Beschaffbarkeit eines Lebensmittels ist in 5 Stufen von "sehr schwierig", "schwierig", "normal", "leicht" bis "sehr leicht" angeben.

Anmerkungen zu einzelnen Zeilen:

  • Die heutigen Gemüse- und Getreidesorten gab es in der Urzeit nicht. Sie wurden aus Wildformen gezüchtet. Die Beschaffung der Wildformen war in der Urzeit beim Gemüse schwierig und beim Getreide fast unmöglich, weil es nur Gräser gab, deren Körner sehr klein und äußerst schwer zugänglich waren.
  • Honig ist in der warmen Jahreszeit leicht zu beschaffen, in der kalten jedoch nicht, weil die Bienen über jeden herfallen, der kalte Luft in ihren Stock läßt.
  • Meerwasser war in der Urzeit sehr leicht beschaffbar, wenn man einem Meer nahe war, ansonsten sehr schwierig. Dies hat sich in der Neuzeit nicht geändert.
  • Süßwasser guter Qualität ist in der Neuzeit nicht immer leicht beschaffbar, wenn man eine Abfüllung in Glasflaschen wünscht und keine künstlich zugesetzte Kohlensäure dabei haben möchte.
  • Tierische Produkte waren in der Urzeit durch Sammeln (leicht) oder Jagen (schwierig) beschaffbar.

Folgen der drei Faktoren

Menge und Anzahl der Lebensmittel einer Mahlzeit

In der Urzeit waren viele Lebensmittel nur lokal und zeitlich begrenzt verfügbar. Der Urmensch mußte also in einigen Fällen lange Strecken zurücklegen, um zu einem bestimmten Lebensmittel zu gelangen. Dies führte nicht nur zu hoher körperlicher Aktivität sondern auch zur Begrenzung der Zahl an verschiedenen Lebensmitteln, die in einem bestimmten Zeitintervall gegessen werden konnten. Anders ausgedrückt: man konnte nicht wie heute zehn verschiedene Lebensmittel innerhalb einer halben Stunde herunterschlingen, sondern mußte zur Beschaffung Pausen zwischen den einzelnen Bestandteilen einer Mahlzeit einlegen.

Selbst wenn ein erntereifes Lebensmittel gefunden war, war der Aufwand zur Beschaffung sehr unterschiedlich, von leicht zu pflückenden Kräutern und Früchten bis hin zu sehr schwer zu erlangendem Palmennektar oder auf hohen Bäumen wachsenden Tropenfrüchten. Dieser Aufwand begrenzte sowohl die Menge, die man bei einer Mahlzeit verzehren konnte, als auch die Zahl verschiedener Komponenten einer Mahlzeit. Vereinfacht gesagt war die Mahlzeit zu Ende, wenn man es nicht mehr schaffte, den nächsten Baum zu besteigen, weil man dazu schon zu satt und träge war.

Kokosnuss mit und ohne Fasermantel

Schließlich gab es beim Essen selbst verschiedene Schwierigkeitsgrade. Eine Kokosnuss mit vollem Fasermantel ist wesentlich schwieriger zu öffnen als eine Wassermelone. Haselnüsse lassen sich mit Hilfe von Steinen leicht in großer Menge knacken, während man bei Sonnenblumenkernen sehr lange braucht, um auf eine annehmbare Portion zu kommen. Auch der Faktor "Zubereitung" wirkt also begrenzend auf die Menge und Anzahl der bei einer Mahlzeit verzehrten Lebensmittel.

Körperliche Aktivität

Die Möglichkeiten der Neuzeit, den Aufwand für das Auffinden, die Ernte und die Zubereitung von Lebensmittel an Dritte zu delegieren und damit für sich selbst zu minimieren, wirken sich keineswegs positiv auf das Leben unter den heutigen Bedingungen aus. Das Entfallen fast jeglicher körperlicher Aktivität zur Nahrungsbeschaffung führt zur Verminderung der körperlichen Leistungsfähigkeit und zur Abnahme der Muskelmasse.

Gefahr der Überlastung

Die Verminderung des Aufwandes für die Ernte und Zubereitung von Lebensmitteln wirkt sich gravierend auf die Praxis der Rohkost, speziell auf die Praxis der instinktiven Ernährung aus und zwar dahingehend, daß man bei einer Mahlzeit mehr von einem Lebenmittel ißt, als wenn man es selbst ernten oder zubereiten müßte. Das ist der Weg in die Überlastung.

Umgang mit den drei Faktoren

Aufwände selbst erbringen

Ganze und geöffnete Macadamianüsse

Um die Effekte der Neuzeit zu mildern oder zu umgehen, ist es sinnvoll, möglichst viele Aufwände zur Erlangung, Ernte und Zubereitung von Lebensmitteln selbst zu erbringen, das heißt:

  • Lebensmittel wenn möglich selbst ernten
  • Nüsse und Samen in der Schale bevorzugen
  • ganze Früchte bevorzugen
  • nur einfache urzeitliche Techniken zum Öffnen/Knacken/Schälen von Lebensmitteln anwenden

Zum letzten Punkt der Liste: es ist ein Unterschied, ob man Nüsse mit Hilfe eines eleganten Werkzeugs öffnet, wie es die Knipex-Zange von der Seite Technik im Haushalt ist, oder ob man sie auf steinzeitliche Art und Weise mit Hilfe von Steinen knackt. Einige instinktive Rohköstler verzichten daher bewußt auf allzu raffinierte Techniken und bedienen sich lieber der einfachen und trotzdem wirkungsvollen Methoden unserer Vorfahren.

Simulation natürlicher Bedingungen

Die körperliche Aktivität, um zu einem Ernteort zu gelangen bzw. einen Baum zu besteigen, läßt sich heutzutage nur noch selten direkt erbringen, es sei denn, man läuft zu dem Garten eines entfernten Freundes und erntet dort selbst, eine Möglichkeit, die den meisten heutigen Menschen verwehrt sein dürfte. Wenn man nicht beruflich bedingt körperlich aktiv ist, bleibt nur noch die Möglichkeit, sich in der Freizeit sportlich zu betätigen. Man kann in der Tat annehmen, daß der Sport vom seßhaften Menschen erfunden wurde, um den Mangel an körperlicher Aktivität zu kompensieren, der durch die seßhafte Lebensweise und das bewegungsarme Leben in geschlossenen Räumen zustande kam.

Immerhin läßt sich der zeitliche Aufwand, um von einem Ernteort zum nächsten zu gelangen, simulieren, indem man zwischen den einzelnen Komponenten einer Mahlzeit Pausen einlegt. Viele Rohköstler tun dies freiwillig, weil sie es als unangenehm empfinden, alles schnell hintereinander zu sich zu nehmen. Eine Mahlzeit kann sich mit diversen Pausen durchaus zwei Stunden hinziehen.

Eine weitere Möglichkeit, den natürlichen Umständen näher zu kommen, besteht darin, langsam zu essen. Unter den Bedingungen der Natur hätte man dies in vielen Fällen ohnehin tun müssen, weil es eine gewisse Zeit erfordert, die nächste Frucht zu pflücken und dafür ggf. einen anderen Baum zu besteigen.

Es kann sinnvoll sein, Lebensmittel, die unter urzeitlichen Bedingungen äußerst selten und/oder schwer zu beschaffen waren, seltener in die Auswahl einzubeziehen als andere. Dies beugt der Gefahr vor, diese Lebensmittel, die zum Teil sehr nährstoffhaltig sind, wie etwa Honig oder Cashewkerne, übermäßig oft zu verzehren und dadurch die Vielfalt der eigenen Lebensmittelpalette herabzusetzen.

Ferner kann es sinnvoll sein, Lebensmittel verschiedener Klimazonen nicht bei einer Mahlzeit miteinander zu kombinieren.

Neuzeitliche Lebensmittel langfristig weglassen

Wie bei der Vergleichstabelle für Urzeit und Neuzeit bereits angemerkt wurde, gab es die heutigen Gemüse- und Getreidesorten in der Urzeit nicht. Ihr Nutzen im Rahmen einer Ernährung mit Rohkost ist daher äußerst zweifelhaft. Die Erfahrungen langjähriger Rohköstler deuten darauf hin, daß man diese Lebensmittel lediglich in den Anfangsjahren der Rohkost benötigt, um die Substanzen zu entgiften, die man beim gekochten Verzehr dieser Lebensmittel zu sich genommen und im Körper abgelagert hat. Danach sind sie nicht mehr nötig.

Man kann dieses Problem zwanglos dem Ernährungsinstinkt überlassen. Getreide und Gemüse werden von selbst uninteressant, so daß sie immer mehr aus der Lebensmittelpalette herausfallen. Ein Mangel ist deswegen nicht zu befürchten, wenn man sich ansonsten mit der vollständigen Lebensmittelpalette versorgt, insbesondere Fleisch und selbst geernteten Wildkräutern. Weitere Hinweise gibt es im Abschnitt Die Oberstufe.

Referenzen

Artikel